Das Wunder vom Blücherplatz

Eine Kieler Engelsgeschichte

Der Erzengel Gabriel ist mit seinen Engeln irrtümlich im Jahr 2018 gelandet. Somit können sie nicht gleichzeitig über dem Stall von Bethlehem und der Krippe mit dem Jesukind als Stern leuchten. Dora und Bert finden die Engelskugel und versuchen nun, die ins Jahr von Christi Geburt zu bringen, damit Weihnachten nicht in Dunkelheit stattfindet und die Geschichte neu geschrieben werden muss.

Doch niemand will helfen und glauben an einen schlechten Scherz. Dann finden sich zwei alte, kranke Menschen, die das Heft des Handelns in die Hand nehmen und dafür sorgen, dass sich endlich eine Menschenkette bildet, durch die Liebe strömt und es somit ermöglichen, dass die Engelskugel abheben und nach Bethlehem ins Jahr 0 zurückkehren kann.

Am Ende sind es drei Kinder, die es ermöglichen, dass der Stern über dem Stall von Bethlehem rechtzeitig leuchten kann.

 

Diese Geschichte ist mein diesjähriges Weihnachtsgeschenk an Dora und sie hatte ebenso Tränen der Rührung in den Augen, wie alle anderen, denen diese Geschichte vorgelesen wurde.

 

Viel Freude wünsche ich und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Ich wünsche auch ein gutes neues Jahr mit Frieden, Liebe, Glaube und am Ende in jedem Fall mit Hoffnung!

 

Das Wunder vom Blücherplatz

 

Das Jahr war fast vorüber und die Tage waren bereits seit dem späten Sommer merklich immer kürzer und die Zeit der Dunkelheit immer länger geworden. Die dunkle wie kalte Jahreszeit näherte sich mit immer größer werdenden Schritten. Schon lenkten die ersten Gedanken in Richtung Weihnachten und die Geschenke, die zu machen Gepflogenheit waren. Was aber sollte man einem Menschen schenken, dem man erst vor wenigen Monaten erstmalig begegnet war und von dem man doch noch gar nicht so recht wusste, was man ihm zum Heiligabend unter den Weihnachtsbaum legen sollte? Noch war nicht klar, ob es überhaupt einen Weihnachtsbaum geben würde, denn Dora war darauf nicht vorbereitet, Weihnachten mit einem neuen Partner zu feiern. Lange Jahre hatte sie gar keinen eigenen Weihnachtsbaum gehabt, doch dieses Jahr war alles ganz anders als ihre Weihnachtsfeste zuvor: Sie hatte ein eigenes Haus und so etwas wie ihre eigene kleine Familie gegründet: mit Bert, ihrem Partner seit dem Sommer. Alles war turbulent angefangen und zeitweilig chaotisch und irgendwann geendet – aber irgendwie hatten sie wieder zusammengefunden, ihre Beziehung gefestigt und sich auf eine verbindliche und auf Dauer ausgelegte Partnerschaft geeinigt.

 

 

 

 

 

Es war wenige Tage vor dem Fest. Bert bekam eine What’sApp-Nachricht von Dora. Er hatte ihrem Account mit einem eigenen Klingelton verknüpft, so dass er sofort hörte, wenn er von seiner Freundin eine Nachricht erhielt.

 

 

 

„Habe heute einen Weihnachtsbaum gekauft!“

 

 

 

schrieb sie und hatte dahinter ein paar virtuelle Küsse geheftet. Damit war die Entscheidung gefallen, das Fest in diesem Jahr unter einem Weihnachtsbaum zu feiern.

 

 

 

„Supie!“

 

 

 

schrieb er zurück und sie bekam ebenfalls drei dicke Küsse mitgeliefert.

 

 

 

Die Nacht vom 21. auf den 22. Dezember schien nicht enden zu wollen, so lang war die Dunkelheit. Was für den einen jedoch lediglich eine lange Nacht war, war für andere wiederum ein Moment mit Gänsehautfeeling. Der Himmel war sternenklar und nur ein leichter Wind strich über das Land. Dora und Bert wollten gerade zu Abend essen und waren im Begriff, den Tisch zu decken, als Dora glänzende Augen bekam und ihn fragte:

 

 

 

„Wollen wir nicht heute schon den Weihnachtsbaum schmücken?“

 

 

 

Bert stutze ob dieser unvermittelten Frage und antwortete mit einem

 

 

 

„Ja, meinetwegen. Essen zu zweit bei Kerzenlicht und einem Glas Wein wird sowieso völlig überbewertet!“

 

 

 

„Komm, Schatz, das können wir danach auch noch machen!“

 

 

 

und sie legten los. Der Baum wurde aufgestellt, die Kugeln drangehängt und auch die Kerzen so drapiert, dass sie möglichst gleichmäßig verteilt waren, um der Tanne wirklich das Prädikat Weihnachtsbaum zu verleihen und sie in ein wunderbares Licht zu tauchen. Dora war völlig aufgedreht.

 

 

 

„Diese Sterne habe ich mit Sprühkleber angesprüht und anschließend in Goldstaub gewälzt. Meine Mutter hat sie selbst gebastelt und sie sind schon mehr als 50 Jahre alt!“

 

 

 

„Ja, damals hat man so etwas noch selbst gebastelt. Heute ist es viel billiger, so etwas im Geschäft zu kaufen!“

 

 

 

antwortete Bert. Anschließend kamen noch einige Schokoladenkugeln und -glocken an den Baum, so dass er jetzt richtig bunt war. Zum Schluss wurden noch zwei Girlanden um den Baum gewickelt und sie schauten sich ihr Werk an:

 

 

 

„Sieht der nicht toll aus?“

 

 

 

fragte Dora mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck und Bert erwiderte:

 

 

 

„Ja, wunderbar. Aber wir haben gar keine Tannenbaumspitze. Hast Du noch irgendwo eine?“

 

 

 

„Nein, aber das muss ja auch nicht sein! Das geht auch ohne.“

 

 

 

antwortete Dora schon fast trotzig und bestimmend, denn der Baum war in ihren Augen auch so schon wunderbar. Sie kannte es auch nicht anders, denn in ihrer Familie hatte es nie eine Weihnachtsbaumspitze gegeben. Aber dann ging sie zum Esstisch, nahm ein Bild, das einen Halbmond mit viel Nachthimmel und Sternen darauf zeigte, und das sie eigentlich irgendwo ins Geäst hängen wollte und hängte es nun an die Seite der Spitze. Dieses Bild hatte aber mit einer Tannenbaumspitze nichts gemeinsam und verschandelte das Bild eher, als dass es dem Ansehen des Baumes nützte.

 

 

 

„Besser so?“

 

 

 

fragte sie und Bert nickte nur, ohne ein Wort dazu zu verlieren. Allerdings dachte er schon, dass ein Weihnachtsbaum ohne Spitze so gar nicht geht. Man lässt ja auch die Kerzen nicht weg. Und Bert hatte in ihrer Beziehung zueinander aber immer das letzte Wort, so oder so, und sagte:

 

 

 

„Ja, Schatz! Wollen wir die Kerzen schon anzünden?“

 

 

 

fragte er, aber sie meinte, dass ja noch kein Weihnachten sei und sie daher noch damit noch etwas warten sollten.

 

 

 

„Aber beim Adventskranz hast Du doch auch ab dem 2. Advent an alle vier Kerzen angezündet“

 

 

 

entgegnete Bert seiner Freundin. Aber als Antwort erhielt er nur ein trotziges:

 

 

 

„Na und? Ich kann doch die Kerzen anzünden, wann ich es will.“

 

 

 

„Weißt Du überhaupt, woher der Adventskranz kommt?“

 

 

 

wollte Bert wissen.

 

 

 

„Nein, sag Du es mir!“

 

 

 

antwortete sie und Bert packte sein Wissen aus.

 

 

 

„Vor fast 200 Jahren gab es in Hamburg einen Pastor, der arme Straßenkinder im beginnenden Industriezeitalter betreute. Er hieß Johann Hinrich Wichern und wollte den Kindern zeigen, wie lange es noch bis Weihnachten dauern würde. So fertigte er aus Tannengrün einen Kranz, steckte vier Kerzen drauf und zündete jeden Sonntag zum Gottesdienst eine Kerze an. So lange, bis die vierte Kerze brannte, dann war Heiligabend.“

 

 

 

„Na klar, und wenn die fünfte Kerze brennt, hast Du Weihnachten verpennt.“

 

 

 

antwortete Dora etwas verlegen, weil sie diese Geschichte gar nicht kannte, und fuhr leise fort:

 

 

 

Egal, und jetzt machen wir unser Abendbrot mit Kerzenschein, Rotwein und schöner Musik!“

 

 

 

flüsterte Dora ihm so leise zu, als wolle sie den Weihnachtsbaum nicht durch laute Worte erschrecken.

 

 

 

„OK, mit knurrt auch schon der Magen!“

 

 

 

Der Tisch wurde liebevoll gedeckt und dem Universum im Tischgebet für die reichlich vorhandenen Speisen und Getränke gedankt, sowie für den friedlichen Abend, den sie gemeinsam verbringen durften. Dora blickte hoch zu ihrem geschmückten Weihnachtsbaum, überlegte kurz und sagte schließlich:

 

 

 

„Na gut. Kein Mensch kann mir vorschreiben, ob und wann ich die vierte Kerze am Adventskranz anzünde. Also zünden wir jetzt auch die Weihnachtsbaumkerzen an und gucken, wie es wirkt. Vielleicht müssen wir ja noch rechtzeitig vor Weihnachten umdekorieren!“

 

 

 

Bert lächelte sie an, ob dieser bestechenden Logik und in kurzer Zeit war das Wohnzimmer in ein wunderschönes Lichtermeer getaucht, ausgehend von vielen brennenden Kerzen am Baum, weiteren sonst noch verteilten Lichtern im Raum, sowie unzählige, sich in den Tannenbaumkugeln spiegelnde Lichter. Besonders hatte es ihm eine eigenwillige Adventskranzkreation von Dora angetan. Sie hatte einen flachen Holzreif genommen, ihn mit allerlei bunten Bändern umwickelt und unter die Decke gehängt. Dann fügte sie Christbaumkugeln verschiedener Größen hinzu, die sie in unterschiedlichen Höhen aufhängte. In die Mitte dieses Gebildes hängte sie ein Netz mit unzähligen LED-Lämpchen, die sich in den bunten Christbaumkugeln widerspiegelten und ein wunderschönes Gesamtbild ergaben, an dem sie sich gar nicht sattsehen konnten.

 

 

 

Sie hatten mittlerweile zu Ende gegessen und den Tisch abgeräumt, als Dora ihn ansah und sagte:

 

 

 

„Ich hätte jetzt Bock, auf den Balkon zu gehen und mir den Himmel anzusehen. Kommst Du mit?“

 

 

 

Bert nickte. Sie nahm seine Hand und sie gingen in die obere Etage, durch das Schlafzimmer auf den Balkon und blickten nach oben in den sternenklaren Himmel. Bert hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt und sie schmiegte sich zärtlich an ihn.

 

 

 

„Ist das nicht ein herrlicher Abendhimmel? Könnte es nicht immer so friedlich und ruhig auf Erden zugehen wie hier und jetzt?“

 

 

 

seufzte Bert, den die eine oder andere finanzielle Sorge unter den Nägeln brannte und solche Momente genoss, um sich auf schöne Dinge im Leben zu besinnen und seine Probleme mit Bank, Finanzamt und Co. zu vergessen.

 

 

 

„Da musst Du mal in den Abendhimmel über Hamburg sehen,“

 

 

 

erwiderte Dora, die lange in dieser Großstadt gelebt hatte und fuhr fort

 

 

 

„da ist es nicht so ruhig wie hier und schon gar nicht so dunkel. Da gibt es immer Hintergrundgeräusche und die Lichter der Großstadt lassen den Sternenhimmel gar nicht so dunkel erscheinen wie hier in der Provinz!“

 

 

 

Sie war von Hamburg nach Preetz, einer kleinen Stadt nahe der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel gezogen und war dabei, sich an dieses provinzielle Leben mit seinen provinziellen Menschen zu gewöhnen. Ihr neuer Partner kam aus Kiel und war daher alles andere als ein Großstadtkind. Mehr noch, denn er liebte das Meer, fuhr auf diesem als Stammcrew des Rahseglers „Roald Amundsen zur See und hatte während seiner Nachtwachen unzählige Gelegenheiten, den rabenschwarzen Nachthimmel mit seinen unendlichen vielen kleinen Lichtern und den vielen Sternschnuppen zu bewundern.

 

 

 

„Ob wir allein im Universum sind?“

 

 

 

fragte er Dora.

 

 

 

„Ich weiß es nicht, aber das ist auch unwichtig, denn wir beide sind im hier und jetzt und das zählt für mich“

 

 

 

erwiderte sie, gab ihm einen Kuß und fuhr fort

 

 

 

„Warum sollte ich mir Gedanken über Lebewesen in einer fremden Galaxis machen, wenn es für mich wichtig ist, dass ich gerade jetzt in Deinem Arm stehe und Dich küssen möchte?“

 

 

 

Sie gab ihm einen weiteren Kuß.

 

 

 

„Wer weiß, vielleicht ist ja jede Sternschnuppe, die wir am Firmament sehen, eine außerirdische Raumkapsel. Mit einer Armee, die unsere Erde erobern will. Vielleicht ist für die unser Plastikmüll das, was für uns Gold ist!“

 

 

 

frozzelte Bert und lachte Dora dabei an.

 

 

 

„So’n Quatsch, den Du da erzählst“

 

 

 

antwortete sie leicht gereizt, denn ihr war jetzt mehr nach Ernsthaftigkeit, denn nach Albernheit.

 

 

 

„Ist ja gut, mein Schatz“

 

 

 

antwortete Bert, dem wohl seine Phantasie mit ihm durchbrannte. Sie standen noch ein paar Minuten schweigend auf dem Balkon und blickten wieder gen Himmel. Dann kam der Moment, an dem sie sich anschickten, wieder ins Haus zu gehen, um vielleicht einige Runden Scrabble, Phase 10 oder Uno zu spielen. Das war eine ihrer liebgewonnenen gemeinsamen Zeiten und schon so etwas wie ein Ritual geworden. Der Fernseher war so gut wie nie eingeschaltet und sie zelebrierten ihre Spiele mit viel Kerzenlicht und schöner Musik.

 

 

 

„Wollen wir jetzt etwas spielen?“

 

 

 

fragte Dora und wollte sich gerade zur Balkontür wenden, als sie ein laut pfeifendes Geräusch vernahmen, das aus der Richtung des Gartens unter ihnen kam. Eine Druckwelle erfasste sie, ließ sie vibrieren und beinahe das Gleichgewicht verlieren. Die Fensterscheiben vibrierten ebenfalls bedrohlich. Doras Hand krallte sich in Bert‘ Oberarm, der sich wiederum an der hölzernen Balkonbrüstung festgehalten hatte, ohne sie dabei loszulassen und seine Freundin daher noch im Arm hielt.

 

 

 

„Was war das?“

 

 

 

fragte Dora ängstlich und beide sahen hinunter in den Garten, aus dessen Richtung das Geräusch gekommen war. Sie konnten wegen der Dunkelheit jedoch nichts erkennen.

 

 

 

„Ich habe keine Ahnung. Komm, wir sehen nach“

 

 

 

erwiderte Bert und sie machten sich auf den Weg in den Garten.

 

 

 

„Sei bloß vorsichtig“

 

 

 

meinte Dora, die auf der Terrasse ein wenig hinter Bert stand.

 

 

 

„Wir müssen ja erst einmal wissen, was das war, bevor wir vorsichtig sein können“

 

 

 

antwortete er mit einem Klopfen in der Brust, das so laut schien, dass es wohl jeder hören musste. Sie hatten ihr Handy mitgenommen und die Taschenlampenfunktion eingeschaltet. Damit leuchteten sie nun den Garten in der Richtung ab, aus der sie das Geräusch vermuteten.

 

 

 

„Guck, da. Ein Loch in der Erde“

 

 

 

rief Dora aufgeregt und hielt ihr Handy auf 10 Uhr. Bert‘ Blick und seine Handytaschenlampe folgte Doras Lichtkegel und sie näherten sich der bezeichneten Stelle vorsichtig und in leicht geduckter Haltung. Nach dem Aufprall dieses Gegenstands war es merkwürdig still geworden. Nichts war zu hören, nicht einmal die Krähen in ihren naheliegenden Horsten, die sonst rund um die Uhr für eine nervige Geräuschkulisse sorgten.

 

 

 

„Was mag das sein?“

 

 

 

fragte Dora in die Dunkelheit.

 

 

 

„Ich weiß es auch nicht. Vielleicht ist etwas aus einem Flugzeug gefallen“

 

 

 

antwortete Bert und sie näherten sich der Stelle bis auf wenige Schritte. Zunächst war nichts zu sehen, aber dann kam doch etwas in den Lichtkegel der Handytaschenlampen hinein. Es war ein Krater von gerne 2 Metern Durchmesser und einem halben Meter Tiefe, den sie fanden. Bert fiel auf die Knie und bückte sich tief hinein, um herauszufinden, was unter Umständen in diesem Krater zu finden war.

 

 

 

„Jetzt pass aber wirklich auf.“

 

 

 

rief ihm Dora zu und leuchtete ihm auf die Hände.

 

 

 

„Natürlich passe ich auf. Aber wenn es etwas aus einem Flugzeug ist, dann wird jetzt nichts mehr beißen. Aber es könnte auch ein Meteorit gewesen sein, den ich noch unbedingt für mein Oktogon gebrauchen könnte.“

 

 

 

Bert hatte eine Wunscherfüllungsmaschine erfunden, in der aus jedem Kontinent Sand oder Erde vorhanden war. Wegen der damit verbundenen Energie. Nur ein Meteorit aus dem Weltall fehlte ihm noch. Ein Meteorit, der die Energie aus den Jahrmillionen, die er durch das Universum geflogen war, aufgesogen hatte, um sie jetzt in seiner Wunscherfüllungsmaschine „Das Oktogon“ zum Wohle der Menschheit im Allgemeinen und ihm im Besonderen, abzugeben.

 

 

 

„Du musst mal in der Erde stochern. Vielleicht findest Du etwas. Soll ich die Gartenkralle holen?“

 

 

 

fragte Dora, die ihre Aufregung nicht verbergen konnte.

 

 

 

„Ich versuche es erstmal mit den Händen!“

 

 

 

erwiderte Bert und begann zu wühlen. Schon nach kurzer Zeit fühlte er einen Gegenstand in der Erde, der nicht allzu groß zu sein schien.

 

 

 

„Ich fühle etwas. Leuchte mal genau hierhin!“

 

 

 

rief er Dora zu, die ihren Lichtstrahl wie gewünscht genau auf seine Hände zielte. Bert begann mit seinen Händen, die Erde wegzuschieben und legte einen runden Gegenstand frei, der völlig unspektakulär aussah.

 

 

 

„Ein Meteorit ist es in jedem Fall nicht, wohl eher von Menschenhand Geschaffenes.“

 

 

 

rief er Dora zu und legte den gesamten Gegenstand frei, der kaum größer war als eine handelsübliche Wassermelone.

 

 

 

„Und, kannst Du schon erkennen, was es ist?“

 

 

 

fragte Dora merklich aufgeregt.

 

 

 

„Keine Ahnung. Ein Fußball ist es bestimmt nicht, wohl eher eine Bowlingkugel. Vielleicht finde ich ja die drei Löcher, in die man die Finger stecken muss, wenn man sie werfen will!“

 

 

 

Für Bert war klar, dass er es hier mit einem profanen Gegenstand zu tun hat und seine Aufregung legte sich zunehmend. Er nahm die Erde rund um die Kugel weg, legte seine beiden Hände um sie und versuchte, sie hochzuheben, was ihm auch mühelos gelang. Sie war deutlich leichter als eine Bowlingkugel. Dann legte sie neben den Krater, so dass sie besser untersucht werden konnte.

 

 

 

„Komisches Ding“

 

 

 

sagte er mehr zu sich selbst, als zu Dora und begann, sie nun vollends von der Erde zu befreien. Er strich alles an Erde über der Kugel weg und sie zeigte nun ihr Gesicht. Schwarz war sie und an einigen Stellen erhaben, als ob kleine Hügel oder Berge auf ihr stehen würden. Auch konnte er kleine Vertiefungen entdecken, die sich wie Flüsse durch die Kugel winden. Sie sahen aus wie steinerne Bäche und als Bert genau hinsah, glaubte er in der Kugel eine schwarze Erdkugel zu erkennen. Sie hatte aber augenscheinlich keinerlei Fugen oder andere Öffnungen, mittels derer man in die Kugel hineingelangen konnte.

 

 

 

„Kannst Du mir bitte mal ein Tuch oder eine Bürste bringen, damit ich die Kugel sauberputzen kann?“

 

 

 

fragte er Dora, die sich sogleich auf den Weg in die Küche machte, um das erstbeste Küchenhandtuch zu holen, das ihr in die Hände kam und eine weiche Schuhbürste aus dem Schrank nahm. Bert wartete solange und betrachtete die Kugel. Er wunderte sich, dass sie keinerlei Beschädigungen zeigte, war sie dem tiefen Krater im Garten nach zu urteilen doch aus großer Höhe auf die Erde gefallen.

 

 

 

„Hier sind das Tuch und die Bürste!“

 

 

 

sagte Dora etwas außer Puste. Offenbar war sie gelaufen. Bert nahm sie und begann sein Werk.

 

 

 

„Danke. Ich werde das Ding mal abbürsten und polieren. Vielleicht finden wir ja ein Schlüsselloch und brauchen nur noch einen Dietrich!“

 

 

 

Niemand lachte. Er legte die Kugel auf die Veranda und putzte mit der Bürste alle Erde von ihr ab. Keinerlei Nahtstelle oder Loch waren zu sehen, um das Innere untersuchen zu können.

 

 

 

„Komm, wir bringen sie ins Haus. Dort haben wir mehr Licht!“

 

 

 

sagte er zu Dora, die zu seinem Vorschlag nickte. Gerade wollte er die Kugel hochnehmen, als sie ihre Farbe veränderte. Ganz langsam wechselte sie von schwarz nach dunkelblau, wobei die Linien verschwanden, verblieb ein paar Sekunden darin und wechselte weiter nach hellblau. Bert war hochgesprungen und hatte ebenso etwas mehr Abstand genommen wie Dora.

 

 

 

„Was ist denn jetzt los?“

 

 

 

fragte sie erschrocken und Bert sagte gar nichts, beobachtete nur das Szenario, während die Kugel im hellblauen Modus verblieb und nur noch etwas weiß hinzukam. Aber nicht etwa als Flecken, Punkte oder Streifen, sondern eher als Wolken. Zudem bewegten sie diese wolkenartigen Gebilde, als ob die Kugel tatsächlich die Erde wäre, die von Wolken gesäumt war und auf der man schemenhaft die Kontinente erkennen konnte. Bert und Dora schauten sich an und er zuckte unwissend seine Schultern. Beide blickten wieder gebannt auf die erdgleiche Kugel, die ihr Antlitz jetzt in ein dreidimensionales Bild wandelte und nun wirklich wie eine Minierde aussah, über der Wolken hingen, und die nun zu leuchten begann.

 

 

 

„Was meinst Du, könnte das Ding explodieren?“

 

 

 

fragte Dora und wusste sofort, dass sie darauf keine kompetente Antwort erhalten würde. Aber die Stille war immer noch unheimlich und sie musste irgendetwas sagen, um die Spannung zu reduzieren. Sie hielt es kaum noch aus, ihr Herz pochte bis in den Himmel und sie hatte mittlerweile Bert‘ Hand genommen.

 

 

 

„Ich glaube, wir können nur abwarten, was sich tut. Oder wollen wir die Polizei oder die Feuerwehr rufen, damit sie das Ding abholt. Ist ja vielleicht auch nur ein Partygag, so wie diese Glitzerkugeln, die in Diskos unter der Decke hängen und den Raum mit Leuchtpunkten durchstreifen.“

 

 

 

meinte Bert. Beide schwiegen einen Moment und betrachteten weiter dieses Gebilde vor ihnen.

 

 

 

„Mich wundert, dass hier noch kein Nachbar nach dem Krach gefragt hat,“

 

 

 

sagte Dora in die Stille.

 

 

 

„Sonst beschweren sie sich über jeden Pups und jetzt ignorieren sie den Lärm.“

 

 

 

Dora stand auf, während sie diesen Satz sagte, und sah an beiden Seiten der Terrasse hinter die Terrassenabgrenzung in die Wohnzimmer der Nachbarn.

 

 

 

„Die sitzen alle stumpf vor dem Fernseher. Kein Wunder, dass die von gar nichts etwas mitbekommen.“

 

 

 

ergänzte sie.

 

 

 

In diesem Moment machte die Kugel ein Geräusch. Einem Zischen vergleichbar, als ob Luft hineingesogen werden würde. Und die Wolken sahen plötzlich aus, als ob sie wirklich um eine innere Kugel schwebten und die von einer Sonne beleuchtet würde. Das Zischen verebbte und zunächst war wieder Ruhe, als die beiden einsamen Zuschauer bemerkten, dass sich aus dem Innern der Kugel ein Lichtpunkt löste, langsam emporschwebte und durch die Wolkenschicht durchbrach, um von Dora und Bert auch außerhalb der Kugel wahrgenommen zu werden. Sie wichen erschrocken zurück und waren drauf und dran, wegzulaufen, als sie eine wohlklingende Stimme vernahmen, die nicht von dieser Welt war:

 

 

 

„Wo bin ich hier?“

 

 

 

Der Lichtpunkt, für den sie keine bessere Bezeichnung hatten, erhielt keine Antwort, denn die menschlichen Stimmbänder versagten.

 

 

 

„Könnt Ihr mir bitte sagen, wo ich hier bin. Ich habe keine Zeit zu verlieren, Eure schnelle Antwort ist jetzt sehr wichtig.“

 

 

 

Als erstes antwortete Dora:

 

 

 

„Du bist hier in Deutschland. In Preetz, genaugenommen!“

 

 

 

„Wo genau ist Deutschland und Preetz?“

 

 

 

fragte die Lichtpunktstimme.

 

 

 

„Du sprichts unsere Sprache und weißt nicht, wo Deutschland liegt?“

 

 

 

fragte Bert, der seine Fassung wiedererlangt hatte.

 

 

 

„Ich komme nicht von hier und auch nicht von Deutschland und Du verstehst meine Worte, weil meine Kommunikation nicht über Sprache, sondern Wahrnehmung erfolgt. Und die Wahrnehmung erfolgt in genau der Sprache, in der mein Gegenüber denkt. Also, wo genau liegt Deutschland Preetz?“

 

 

 

wollte die Lichtgestalt wissen und die beiden Zuhörer waren noch immer gedanklich mit dem beschäftigt, was sie gerade gehört haben, als das Licht immer größer wurde und eine in Licht gehüllte Menschengestalt annahm, die auf dem Rücken ein paar riesiger Flügel hatte. Offenbar handelte es sich um einen Engel.

 

 

 

„Ich muss dringend zu einem Ort Namens Bethlehem gelangen, damit wir dort leuchten können!“

 

 

 

sagte die Engelsgestalt und Bert antwortete:

 

 

 

„Bethlehem liegt einige tausend Kilometer von hier entfernt in Palästina. Und was heißt hier, wir müssen leuchten?

 

 

 

„Wir müssen in Bethlehem leuchten, weil dort in den nächsten Tagen ein Baby geboren wird, das die Welt retten soll. Wir sind auf dem Weg dorthin und wurden durch ein Schwarzes Loch an diesen Ort verschlagen!“

 

 

 

„Nochmal: Wer ist Wir?“

 

 

 

fragte Bert den Engel und der antwortete:

 

 

 

„Wir sind die Engel, die über dem Ort Bethlehem leuchten und anzeigen sollen, dass dort der Heiland geboren ist!“

 

 

 

„Aha,“

 

 

 

antwortete Bert und fuhr fort

 

 

 

„Ihr wisst schon, dass Ihr rund 2.000 Jahre zu spät dran seid?

 

 

 

„Wie, 2.000 Jahre zu spät?“

 

 

 

fragte die Lichtgestalt ungläubig und Dora sagte

 

 

 

„Wir haben jetzt das Jahr 2018 und die Story, von der Du sprichst, hat vor 2018 Jahren stattgefunden.“

 

 

 

Und etwas leiser und wie nachdenklich wirkend sagte der Engel:

 

 

 

„Ok, hier und heute sind wir also gelandet. Was wisst Ihr über diese Geschichte in Bethlehem?“

 

 

 

„Also,“

 

 

 

sagte Bert,

 

 

 

„vor 2018 Jahren ist in Bethlehem ein Kind geboren worden, das später die Welt verändern sollte. Es war das Christkind, das am Heiligen Abend in einem Stall geboren wurde und ein heller Stern leuchtete über dem Stall. Das neugeborene Christkind bekam den Namen Jesus und lag in einer Krippe in einem Stall. Es waren nur Ziegen, Schafe und Ochsen, sowie einige Hirten bei seinen Eltern. Die drei heiligen Könige aus dem Morgenland, kamen später dazu, weil sie durch einen hellen Stern zum Stall geführt worden waren. So in etwa lief die Geschichte ab. Noch Fragen?“

 

 

 

„Das könnt Ihr doch gar nicht wissen, denn wir sind die Engel, die mit unserem Schein aus dieser Kugel so viel Licht nach Bethlehem bringen sollen, dass die heiligen drei Könige zum Stall geführt werden. Wir sind das Licht, das über Bethlehem leuchtet, als Jesus Christus geboren wurde und wenn wir nicht leuchten, wird aus dem Christkind nie das werden, zu was es bestimmt ist. Könnt Ihr uns helfen nach Bethlehem zu kommen?“

 

 

 

„Wie? Wir sollen helfen? Üblicherweise helfen Engel uns und nicht umgekehrt…“

 

 

 

sagte Dora und Bert fragte:

 

 

 

„Was können wir tun, damit Ihr nach dem Bethlehem vor 2018 Jahren kommt?“

 

 

 

„Wir brauchen zwei Markierungsbojen, an denen wir uns orientieren können und mittels derer wir stets an jeden beliebigen Ort und jede beliebige Zeit gelangen, zu der wir hinmüssen!“

 

 

 

„Aha, Ihr seid also alles kleine Einsteins?“

 

 

 

sagte Bert und lachte.

 

 

 

„Was ist ein Einstein?“

 

 

 

fragte der Engel und Bert rollte mit den Augen.

 

 

 

„Albert Einstein war ein Atomphysiker, der eine Theorie über die Zeit verfasst hat. Es war die so genannte „Relativitäts-Theorie“, die unsere Welt verändert hat.“

 

 

 

„Ach du liebe Güte, jetzt weiß ich auch, warum wir gerade hier gelandet sind. Wir hatten vor einigen Jahren einen Engel auf die Erde geschickt, der mal erkunden sollte, wie sich die Menschen hier so machen. Und dieser Engel Albert war, gemessen an der sonstigen Weisheit von Engeln, nicht sehr helle. Und obwohl Ihr Euch für etwas Großes haltet, war er so ähnlich einfach gestrickt wie Ihr Menschen tatsächlich seid und hat mit seinem Engelswissen doch weniger Freude bereitet als er hätte bereiten können!“

 

 

 

„Hallo,“

 

 

 

fiel Bert dem Engel ins Wort,

 

 

 

„ich glaube, dass es keine gute Idee ist, denjenigen zu beleidigen, von dem man Hilfe erwartet! Wieso sagst Du also, wir Menschen seien einfach gestrickt?“

 

 

 

und die Lichtgestalt antwortete:

 

 

 

„Ganz einfach: Weil Ihr Menschen die einzigen Wesen im Universum seid, die die unendlich reichen Mittel so ungerecht verteilt, dass ein überaus großer Teil in Armut lebt und leidet, während gleichzeitig nur wenige von Euch über einen riesigen Wohlstand verfügen und ihn nicht teilen.“

 

 

 

„Was ist daran dumm?“

 

 

 

wollte Bert wissen.

 

 

 

„Auch das ist ganz einfach: Weil Ihr durch Euer Verhalten Eure eigene Lebensgrundlage auf diesem Planeten zerstört. Der Erde ist es doch völlig egal, ob Ihr auf ihr lebt oder nicht. Seid Ihr weg, kommen andere Lebensformen, so wie damals, als die Dinosaurier ausgestorben sind und dadurch erst die Lebensgrundlage für Euch Menschen geschaffen wurde. Und Ihr habt keinen zweiten Planeten in der Tasche, auf den Ihr ausweichen könnt. Die große Macht des Universums schickt Euch in Jesus Christus einen Menschen, der das Armageddon verhindern soll. Doch wenn wir jetzt nicht zu ihm kommen, wird es uns nicht gelingen, Euch zu retten.“

 

 

 

„Also, dieser Mensch hieß Jesus von Nazareth, ist vor ziemlich genau 2018 Jahren in Bethlehem geboren und sein Wirken hat zwar die Welt verändert, nicht jedoch Kriege verhindert und die Ausbeutung dieser Erde. Es wurde auch ein Buch geschrieben, die Bibel, das so oft gedruckt und unter die Menschen verteilt wurde, wie kein zweites. Hat aber auch nichts gebracht, denn die Menschen bekriegen sich heute noch immer wie schon in allen Zeiten, der Reichtum dieser Erde ist völlig ungerecht verteilt und eine unzählige Anzahl Menschen hat kein sauberes Wasser, nicht genug zu essen, keine Bildung und können weder Lesen, noch Schreiben. Von den Millionen Kindern, die in Armut, Unterdrückung und Ausbeutung leben, ganz zu schweigen. Von diesen ganzen Kriegen, die im Namen Gottes geführt wurden, mal ganz zu schweigen. Von daher braucht Ihr Euch gar nicht so sehr zu bemühen, um rechtzeitig in Bethlehem zu sein, denn seine Wirkung war gleich Null.“

 

 

 

warf Bert ein.

 

 

 

„Nun ja,“

 

 

 

antwortete der Engel,

 

 

 

„zum einen weißt Du nicht, was passiert wäre, würde dieser Messias nicht geboren worden sein und zum anderen habt Ihr Euch nicht an das Buch gehalten, das Ihr Menschen Bibel nennt. Hättet Ihr das befolgt, was darinsteht, würdet Ihr nicht so gehandelt haben, wie Ihr gehandelt habt. Und jetzt muss ich Euch bitten, uns zwei Dinge zu zeigen, die wir benötigen, um zum richtigen Ort und die richtige Zeit zu gelangen.“

 

 

 

„Und das wären?“

 

 

 

fragte Dora.

 

 

 

„Wir brauchen einen reich geschmückten Baum, auf dem strahlende Lichter angebracht sind und wir brauchen einen Kranz, auf dem vier Kerzen vorhanden sind, auf dem nur drei Lichter bereits brennen! Nur wenn drei Lichter brennen wissen wir, dass noch ein wenig Zeit bis zur Geburt des Christkindes vorhanden ist.“

 

 

 

antwortete die Lichtgestalt. Dora und Bert sahen sich verwundert an und Dora sagte zum Engel:

 

 

 

„Komm hinein in unser Haus. Ich glaube, wir haben, was Du brauchst!“

 

 

 

und wandte sich Richtung Terrassentür, öffnete sie und trat in ihr Haus direkt ins Wohnzimmer hinein. Bert folgte und machte mit seiner Hand ein Zeichen, dass der Engel vorgehen möge. Dora war in der Mitte ihres Wohnzimmers stehengeblieben und zeigte mit Stolz auf ihren ersten eigenen Weihnachtsbaum, der so schön war, wie sie es sich nie zuvor zu träumen gewagt hatte, selbst einmal so etwas ihr Eigen zu nennen. Bert und die Lichtgestalt waren ihr von der Terrasse ins Wohnzimmer gefolgt und standen seitlich von Dora, die auf ihren geschmückten Baum mit den strahlenden Lichtern zeigte:

 

 

 

„Ich nehme an, dass Du solch einen Weihnachtsbaum gemeint hast, den Du für Deine Mission brauchst. Und dann haben wir hier noch einen Adventskranz, auf dem vier Lichter brennen, was ja wohl kein Problem darstellen dürfte, denn wir wissen ja, dass wir noch einen Tag Zeit haben.“

 

 

 

Sie hatte sich zum Esstisch gewandt, auf dem der Adventskranz mit den vier angebrannten Kerzen stand, wobei eine erste Kerze bereits im Begriff war, zu erlöschen. Dora hatte den Kranz selbst geschmückt. Es war auch ihr erster eigener Adventskranz, den sie jemals besessen hat. Sie hatte ihn geschmückt und liebevoll verziert und hatte voller Erwartungen auf Bert gewartet, um ihm Kranz zu zeigen. Doch der hatte ihn kaum bemerkt, geschweige denn, irgendetwas dazu gesagt. So hatte sie ihn darauf angesprochen und er hatte erwidert, dass es wohl ein gekaufter Adventskranz sein müsse, so wie der geschmückt war. Dora war todunglücklich und tieftraurig ob dieser Bemerkung und ihre Weihnachtsstimmung war ganz tief in den Keller gesunken. Da halfen auch keine erklärenden Worte von Bert etwas, als dieser seinen Fauxpas bemerkte und zurückzurudern begonnen hatte. Ein gesprochenes Wort kann man eben nicht zurücknehmen und jeder sollte sich daher genauestens überlegen, was er sagt, wenn er andere nicht verletzen will.

 

 

 


Der Engel sah sich abwechselnd den Tannenbaum und Doras Adventskranz an. Bert und Dora sahen erwartungsvoll auf den Engel und mussten zur Kenntnis nehmen, dass sich bei ihr keine Freude oder Begeisterung einstellte.

 

 

 

„Diese beiden Gegenstände können wir so nicht gebrauchen. Am Weihnachtsbaum fehlt die Spitze, die für unseren Zweck unabdingbar erforderlich ist. Und beim Adventskranz sind nicht nur vier Kerzen angezündet, sondern eine davon schon fast niedergebrannt. Wir brauchen Lichter, die länger brennen können, als diese hier und die vierte darf erst dann angezündet werden, wenn wir gestartet sind!“

 

 

 

Bert sah Dora vorwurfsvoll an, denn sie war es ja, die auf die Tannenbaumspitze verzichtet hatte und darüber hinaus schon vom zweiten Advent an alle vier Kerzen angezündet hatte. Das erklärte auch, warum die eine Kerze bereits fast vollständig niedergebrannt war. Bert übernahm die Initiative:

 

 

 

„Es hilft ja jetzt nichts, was können wir tun, damit Ihr hier wegkommt?“

 

 

 

Und die Lichtgestalt begann:

 

 

 

„Wir brauchen unbedingt eine Spitze für den Weihnachtsbaum, damit die Lichtenergie der Kerzen sich bündeln und damit für uns eine Lichtbahn in den Himmel weisen kann. Das geht nur über eine eigens vorhandene Weihnachtsbaumspitze. Und wir brauchen für diesen Adventskranz vier neue Kerzen, die nacheinander angebrannt worden sind und noch genügend Rest haben, damit wir die lange Strecke nach Bethlehem zurücklegen können, bevor sie abgebrannt sind. Wenn wir dort angekommen sein werden, geben wir Euch ein Zeichen, nun auch die vierte Kerze anzuzünden, damit die drei Weisen aus dem Morgenland das Licht entdecken können!“

 

 

 

„Aber Ihr müsst ja nicht nur nach Bethlehem kommen, das rund 4.000 Kilometer von hier entfernt ist, sondern Ihr müsst ja auch 2018 Jahre in die Vergangenheit reisen. Wie wollt Ihr uns da ein Zeichen geben?

 

 

 

fragte Dora, die gerade nicht mehr wusste, ob sie noch recht bei Verstand war oder vielleicht einen ihrer vielen wirren Träume träumte, die sie dann am folgenden Morgen zu deuten versuchte. Die Lichtgestalt überlegte kurz und antwortete:

 

 

 

„Woher weißt Du, dass es etwa 4.000 Kilometer von hier sind? Wir müssen die Strecke recht genau wissen, um die richtigen Koordinaten in unser System eingeben zu können.“

 

 

 

und Dora antwortete:

 

 

 

„Weil ich eine Suchmaschine in meinem Handy befragt habe, die mir nicht nur die Entfernung anzeigt, sondern auch den Streckenverlauf. Ihr müsst nach Südosten reisen.“

 

 

 

„Zeig mir das mal!“

 

 

 

sagte die Lichtgestalt und streckte die Hand zu Dora aus. Zögernd gab sie dem Engel ihr Handy:

 

 

 

„Das ist ja doll. Da ist man mal 60 Jahre nicht auf diesem Planeten und schon wird so etwas erfunden. Ist ja doll.“

 

 

 

Bert wurde ungeduldig und wandte sich an die Lichtgestalt:

 

 

 

“Wenn ich Zeit habe erzähle ich Dir, was wir Menschen in den letzten 60 Jahren sonst noch so alles erfunden haben. Aber wenn wir hier jetzt noch lange rumquatschen ist bald Ostern. Was ist jetzt zuerst zu tun?”

 

 

 

“Wir brauchen eine geeignete Baumspitze, die so golden glitzert, dass sie die Strahlen der Kerzen auffängt, bündelt und ins Universum weiterleitet.”

 

 

 

“Ok, sonst noch etwas?”

 

 

 

fragte Bert und der Engel antwortete:

 

 

 

“Ja, wie gesagt, brauchen wir einen Adventskranz mit drei Kerzen, die maximal zu zwei Drittel abgebrannt sind und deren vierte Kerze noch unberührt ist”

 

 

 

sagte die Lichtgestalt. Bert war sehr darüber verwundert und fragte nach:

 

 

 

“Warum ist das so wichtig? Ich habe noch nicht verstanden, warum es unbedingt drei Kerzen sein müssen, nicht zu sehr abgebrannt sind und die letzte unberührt?”

 

 

 

“Nun, das kommt daher, dass die drei Kerzen sehr kraftvolle Quellen sind, die Euch Menschen Hoffnung geben. Und aus diesen Quellen speisen wir unsere Kraft, die wir das ganze Jahr an Euch Menschen dann weitergeben, wenn Ihr sie am dringendsten braucht.”

 

 

 

Bert fragte nach.

 

 

 

“Und was sind diese drei Quellen?”

 

 

 

Und der Engel antwortete:

 

 

 

“Es sind der Wunsch nach Friede, Glaube und Liebe, der Quell allen menschlichen Daseins, ohne die Dunkelheit herrschen würde auf der Erde. Als Du unserer Kugel das erste Mal begegnet bist, war sie schwarz, so wie die Erde wäre, wenn es nicht Friede, Glaube und Liebe gäbe. Im Innern leuchtet sie aber hell und göttlich, so wie es bei allen Menschen hell und göttlich leuchtet, hätten sie nicht einen schwarzen Panzer um sich gelegt. Man muss diesen Panzer nur durchbrechen.”

 

 

 

Bert und Dora schauten sich an und blickten dann wieder auf die Lichtgestalt.

 

 

 

“Und die vierte Kerze?”

 

 

 

fragte Dora.

 

 

 

“was ist mit der vierten Kerze?

 

 

 

“Die vierte Kerze,”

 

 

 

antwortete der Engel,

 

 

 

“das ist die Hoffnung. Wenn kein Frieden oder Glaube und wenn kene Liebe mehr vorhanden sind, wenn also die ersten drei Kerzen erloschen sind, herrscht Dunkelheit und Chaos allerorts. Ihr Menschen habt bereits aufgegeben, Frieden zu halten. Seit allen Zeiten und an allen Orten hat es grausame Kriege gegeben und Ihr habt niemals etwas dazugelernt. Euch fehlt der Glaube, dass Ihr Frieden halten, Liebe geben und diese Schöpfung, Eure Lebensgrundlage, vor der Vernichtung durch Eure zügellose Umweltzerstörung bewahren könnt. Und Ihr seid ohne Liebe, weil Ihr nur nach Reichtum und Macht um jeden Preis strebt und dafür Eure Seelen verkauft.

 

 

 

“Aber es sind doch nicht alle Menschen so. Viele haben Liebe, Glaube und wollen den Frieden”

 

 

 

warf Dora ein und ihre Stimme klang flehentlich.

 

 

 

“Zeige mir einen Menschen, der nicht das Potential in seiner Brust trägt, die Schöpfung zu zerstören und ich will Hoffnung für Euch haben. Denn nur mit der vierten Kerze können wir Engel die anderen drei Kerzen wieder anzünden. Ihr habt also das Schicksal selbst in der Hand, das Ihr Euch bereitet habt.”

 

 

 

“Was ist also zu tun, damit wir Euch rechtzeitig an den Ort und zu der Zeit bringen können, die Ihr für Eure Mission “Christstern” benötigt?”

 

 

 

fragte Bert.

 

 

 

“Ohne Tannenbaumspitze geht es ebenso wenig, wie ohne einen Adventskranz mit den drei angezündeten Kerzen.”

 

 

 

“Das kriegen wir hin. Komm, Dora, wie gehen in die Nachbarschaft und holen uns die benötigten Dinge”,

 

 

 

sagte Bert und lief schnurstracks in den Flur, um sich Schuhe und Jacke anzuziehen. Dora folgte ihm und sie traten ins Freie.

 

 

 

“Wollen wir gemeinsam gehen oder uns aufteilen?

 

 

 

fragte Dora Ihren Gefährten und er antwortete

 

 

 

“Wir sollten uns aufteilen, damit wir mehr Haushalte erreichen können. Wer die Gegenstände zuerst beisammen hat, geht zu seinem Auto und hupt drei Mal ganz laut.”

 

 

 

“Alles klar, es geht los!”

 

 

 

Und sie setzten sich in Bewegung. Dora ging links herum und Bert nach rechts. Er klingelte am Nachbarshaus und die dort alleine lebende Frau öffnete die Tür.

 

 

 

“Ach Sie sind es, mein Nachbar, guten Tag.”

 

 

 

sagte sie etwas mürrisch

 

 

 

“was gibt’s?”

 

 

 

“Ich habe einen dringenden Wunsch: Wir benötigen für eine wirklich wichtige Sache eine Tannenbaumspitze und einen Adventskranz. Können Sie uns helfen?”

 

 

 

Und die alte Frau antwortete:

 

 

 

“Wie kommen Sie denn darauf, dass ich von meinem Tannenbaum jetzt die Spitze abmache und sie Ihnen gebe? Und meinen Adventskranz brauche ich noch, wenn meine Tochter am Heiligabend zu Besuch kommt!”

 

 

 

Alles Bitten und Betteln nützte nichts und dann machte die Frau verärgert ihre Haustür zu. Er ging dann zum nächsten Nachbarn und zum übernächsten und überall kam dieselbe Antwort. Auch Dora erging es nicht besser. Niemand wollte seine Tannenbaumspitze abgeben oder seinen Adventskranz. Sie wurden abgewiesen oder die Menschen hatten überhaupt weder einen Tannenbaum oder einen Adventskranz. Nachdem sie viele Haushalte um diese beiden Gegenstände erfolglos angebettelt hatten, entschied sich Bert zum Rückzug und betätigte dreimal die Hupe. Auch Dora machte sich auf den Heimweg und wollte sich gerade wenig darüber freuen, dass zumindest Bert erfolgreich war. Doch als sie um die Ecke bog und sein trauriges Gesicht bemerkte, sah sie, dass die Hoffnung weiter gesunken war, das Weihnachtsfest zu retten.

 

 

 

“Die Menschen wollen einfach nichts abgeben. Als ich einem erzählte, dass Engel die Christbaumspitze brauchen, um Weihnachten zu retten, rief er zuerst seinen Hund und dann die Polizei.”

 

 

 

sagte Dora enttäuscht.

 

 

 

“Mir ging es auch nicht besser, denn keiner wollte etwas von seinen Dingen abgeben, wie dringend ich es auch machte. Und nun? Was machen wir jetzt?”

 

 

 

fragte er und Dora ergänzte:

 

 

 

“Heiligabend ist schon bald und wir haben noch immer keine Lösung!”

 

 

 

“Ich habe eine Idee. Wenn ich nachher zu Frau Günther nach Kiel fahre, um für sie auf dem Wochenmarkt einzukaufen, dann werde ich sie nach ihrem Adventskranz fragen. Sie hatte ihn letzte Woche nur wenig angezündet und möglicherweise ist er für unsere Zwecke geeignet. Sie wird ihn mir bestimmt geben. Und vorher fahren wir noch ins Atelier in die Holtenauer Straße, damit ich eben selbst eine Tannenbaumspitze für uns baue.”

 

 

 

Bert kaufte seit über einem Jahr donnerstags für Frau Günther auf dem Wochenmarkt vom Blücherplatz ein. Sie war Ende Siebzig und so krank und schwach, dass sie nicht lange gehen und ihre Einkäufe nicht selbst tragen konnte. So hatten sie sich über Bert’ Haushaltshilfe-Kiel-Firma kennengelernt. Sie hatte selbst keine nahen Angehörige vor Ort und nur einen weit von Kiel entfernt wohnenden Bruder. So hatte sie Bert in ihr Herz geschlossen und war froh, dass er ihr half.

 

 

 

“Das ist eine gute Idee,”

 

 

 

erwiderte Dora und sie gingen gemeinsam zurück ins Haus. Dann sprachen sie mit dem Engel:

 

 

 

“Wir müssen nach Kiel fahren. Hier will uns niemand die gewünschten Dinge geben. Aber ich habe dort eine weitere Möglichkeit und die sollten wir nutzen.”

 

 

 

sagte Bert zum Engel, der sich im Wohnzimmer aufgehalten hatte.

 

 

 

“Eines muss ich noch erwähnen!”

 

 

 

sagte der Engel. Dora und Bert stutzen und sahen sich fragend an.

 

 

 

“Wenn wir alles zusammen haben, benötigen wir viele Menschen, die einen Kreis der Hoffnung um den Tannenbaum bilden. Nur dann entfalten wir unsere wirklichen Kräfte!”

 

 

 

“Hätte mich auch gewundert, wenn da nicht noch irgendein Haken gewesen wäre. Wo sollen wir denn jetzt, am Heiligen Abend, so viele Menschen herbekommen?”

 

 

 

sagte Bert und schüttelte dabei etwas genervt den Kopf.

 

 

 

“Und so viele Menschen kennen wir gar nicht, so dass sie bereit sind, ihre Heiligabendvorbereitungen zu unterbrechen.”

 

 

 

ergänzte Dora.

 

 

 

“Dann müssen wir Euch, Eure Raumkapselkugel und den Tannenbaum jetzt einpacken und nach Kiel bringen, damit wir keine unnötige Zeit verlieren. Seid ihr abflugbereit?”

 

 

 

fragte Bert und die Lichtgestalt antwortete:

 

 

 

“Ihr könnt fliegen? Das ist ja herrlich. Hättest Du ja gleich sagen können.”

 

 

 

“Quatsch”

 

 

 

entgegnete Bert

 

 

 

“das ist nur so eine Redewendung. Wir reisen heute noch analog. Das aber jetzt hurtig. Los, Dora, wir brauchen einen Karton, in den wir das Engelsraumschiff packen können. Du fährst mit Deinem Kangoo. Da passt der Tannenbaum stehend hinein und ich fahre mit meinem Wagen, damit wir etwas flexibler sind.”

 

 

 

“Womit wollt Ihr fahren? Mit einem Känguru?”

 

 

 

wollte der Engel wissen und Dora antwortete:

 

 

 

“Nein, so heißt mein Auto, über das sich Bert immer gerne so lustig macht. Angeblich erfüllt es keine Prestigezwecke. Aber für mich reicht es eben und erfüllt seinen Zweck: Es fährt mich zuverlässig von „A“ nach „B”.„

 

 

 

und sah schnippisch zu Bert hinüber, der nur mit den Augen rollte.

 

 

 

“Ok, mein Schatz, wenn Dein Kangoo die Welt rettet, wird er bei mir für alle Zeit sein Gnadenbrot bekommen. Also, Dora, fahre jetzt den Wagen vor, damit wir loslegen können!”

 

 

 

sagte Bert in Anspielung auf eine Krimisendung, bei der der Assistent nach erfolgreicher Verbrecherjagd immer aufgefordert wurde, den Wagen zu holen. Dora ging los und Bert begann, den Weihnachtsbaum von der Wand zu rücken, damit sie ihn gleich ins Auto stellen konnten. Dann besorgte er aus dem Keller eine Kiste für die Engelskugel und sagte zum Engel:

 

 

 

“Du musst Dich jetzt für eine gute halbe Stunde auf Deinen Miniplaneten verkrümeln. Wir müssen jetzt schnellstens losfahren! Wie können wir Dich nachher wieder aktivieren? Hast Du vielleicht ein Handy oder reagierst Du auf Klopfzeichen?”

 

 

 

Der Engel gab ihm einen kleinen Stern, der offenbar aus purem Gold gefertigt war.

 

 

 

“Das ist bei uns so etwas wie Pappmacheé bei Euch. Wenn Du daran reibst, werde ich erscheinen”

 

 

 

sagte er, wandte sich zu seiner Kugel, veränderte seine Gestalt und wurde immer kleiner, bis er als Lichtpunkt auf die Oberfläche des Miniplaneten schwebte. Bert machte den Pappkarton zu und stellte ihn vor die Haustür. Mittlerweile war es merklich dunkler geworden. Dora hatte ihren Kangoo schon rückwärts auf die Auffahrt bugsiert, die Heckklappe geöffnet und kam ihm entgegen.

 

 

 

“Hast Du schon bemerkt, wie dunkel es jetzt geworden ist? Es ist nicht einmal 11:00 Uhr und es herrscht absolute Abenddämmerung. Komisch,”

 

 

 

sagte Dora und Bert bemerkte es jetzt auch.

 

 

 

“Ja, vorhin war es noch viel heller. Was meinst Du, könnte das was mit dieser Aktion hier zu tun haben?”

 

 

 

Dora schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. Sie wusste also nichts.

 

 

 

“Los dann komm, wir müssen jetzt den Tannenbaum vorsichtig in Deinen Wagen stellen. Fass Du oben an,”

 

 

 

gab Bert den Befehl und Dora gehorchte. Ausnahmsweise, denn sie wusste, dass jetzt nicht der Zeitpunkt für Widerspruch war. Gemeinsam wie vorsichtig wurde der Tannenbaum in den Wagen gehievt und mit einem Tau festgezurrt. Daneben stellten sie die Kiste mit dem Engelsplaneten, schlossen die HauseDorangstür ab, setzten sich in ihre Autos und fuhren los. Durch die Kührener Straße über die Eisenbahnschienen, vorbei an der Polizeiwache und dem Bahnhof. Am Ortsausgang Preetz befand sich rechte Hand eine Tankstelle. Dort stand gerade ein Polizeibeamter mit seiner Kelle, der sie hinauswinkte, und Doras Herz rutschte in die Hose. Daneben stand ein finster dreinblickender Kollege mit Schutzweste und Maschinenpistole im Arm.

 

 

 

“Ach Du lieber Schreck, warum gerade heute?”

 

 

 

sagte sie laut zu sich, denn sie war schon seit Jahren nicht mehr in eine Polizeikontrolle gekommen. Ausgerechnet sie wurde nun hinaus gewunken und hatte einen kleinen Moment das Bedürfnis zu flüchten. Sie stoppte aber brav und kurbelte das Fenster herunter.

 

 

 

„Guten Tag Herr Wachtmeister. Was gibt es?“

 

 

 

“Guten Tag, Polizeikontrolle!”

 

 

 

sagte ein Beamter mittleren Alters etwas zu zackig für Doras Geschmack. Hatte man sie gesucht? Wegen der Tannenbaumspitze am Vormittag?

 

 

 

“Führerschein und Papiere bitte. Haben Sie etwas getrunken?”

 

 

 

fragte er und Dora antwortete entrüstet:

 

 

 

“Wissen Sie, wie spät wir es jetzt haben? Wer trinkt denn jetzt schon Alkohol?”

 

 

 

“Vielleicht noch Restalkohol vom letzten Weihnachtsmarkttreffen? Was wir hier so alles erleben...”

 

 

 

antwortete er kein wenig zackiger. Sie reichte ihm ihre Papiere und er sah sie sich schweigend an. Abwechselnd auf die Papiere und dann in Doras Gesicht.

 

 

 

“Geht es ein bisschen schneller bitte? Ich muss mich beeilen, sonst platzt das Weihnachtsfest!”

 

 

 

sagte sie gereizt zum Polizisten.

 

 

 

“Kein Problem. Ich muss bis morgen früh auch im Dienst sein und kann den Heiligabend auch nicht mit meiner Familie feiern. Während Sie Weihnachten feiern, sorgen wir für Ihre Sicherheit. Warndreieck, Sicherheitsweste und Verbandskasten bitte.”

 

 

 

Genervt schnallte sie sich ab und stieg aus. Siedend heiß fiel es ihr jetzt ein, dass hinten die Kiste mit dem Miniplaneten stand. Wenn die Polizisten da reinschauen...

 

 

 

“Hier ist das Warndreieck, hier der Verbandskasten und hier die Sicherheitsweste, Herr Kommissar.”

 

 

 

meldete sich Dora zu Wort, nachdem sie wider Erwarten alles an seinem Platz gefunden hatte.

 

 

 

“Was ist im Karton?”

 

 

 

fragte der Sherriff und Dora lief vor Schrecken puterrot an.

 

 

 

“Äääh, ein Ersatzplanet. Falls wir mit unserer Erde so weitermachen, brauchen wir doch einen neuen.”

 

 

 

das war aus ihrer Sicht die doofste Ausrede, die ihr einfallen konnte. Auch der Polizist mit dem Maschinengewehr war nun interessiert hinter das Auto gekommen und der Lauf zeigte bedrohlich in das Auto hinein.

 

 

 

“Und der Tannenbaum ist die Startrampe, damit wir auch die Richtung finden, in den wir unseren Ersatzplaneten schießen müssen.”

 

 

 

“Sie wissen schon, dass Kraftfahrzeuge für allerlei zerstörerische Zwecke missbraucht werden. Wir sind nicht nur zu Ihrem Schutz da, sondern auch um Schlimmes zu verhüten. Daher bitte ich Sie nun um einen Blick in den Karton und fordere Sie auf, ihn zu öffnen und mir den Inhalt zu zeigen.“

 

 

 

Beide Polizisten erschienen nun angespannt und Dora tat wie geheißen und öffnete den Karton. Sein Inhalt bestand auch einem roten Ball mit weißen Punkten und trotz der großen Überraschung hielt sie dem Polizisten den Karton hin und er sah hinein.

 

 

 

„Ist ja gut, gnädige Frau, war ja nur eine Frage und diente Ihrer Sicherheit. Papiere sind in Ordnung, Warndreieck, Sicherheitsweste und Verbandskasten ebenfalls. Sie können jetzt fahren. Ich wünsche Ihnen noch ein frohes Weihnachtsfest.”

 

 

 

Dora fiel ein Stein vom Herzen und sie sah zu, dass sei nicht allzu schnell einstieg und die Ordnungshüter beflügelte, ihr weitere Fragen stellen. Auf die B76 eingebogen, sah sie am nächsten Parkplatz den Wagen von Bert stehen und blinkte ihm mit Fernlicht und dem rechten Blinker zu, dass sie zu ihm auf den Parkplatz einbiegen wolle und fuhr wieder von der B76 ab, bremste, zog die Handbremse an und stieg aus, um nach hinten an ihr Fahrzeug zu gehen und nach dem Inhalt des Kartons zu sehen. Bert war ebenfalls verwundert ausgestiegen, denn die Zeit wurde ja mittlerweile sehr knapp.

 

 

 

„Was ist los, warum hältst Du?“

 

 

 

fragte er und Dora erzählte ihm von dem Ereignis bei den Polizisten. Doch als sie den Karton öffnete, befand sich unverändert die schwarze Engelskugel darin.

 

 

 

„Ich sage es Dir, die Kugel war ein bunter Kinderball!“

 

 

 

machte den Karton wieder zu, stieg ein und fuhr los. Bert folgte ihr.

 

 

 

Mittlerweile war es so dunkel geworden, dass jeder Autofahrer mit Licht fuhr. Über Raisdorf und Kiel-Elmschenhagen, dem Stadtteil, in dem Bert einst zu Hause geboren worden war, fuhren sie den Theodor-Heuß-Ring entlang. Auf der Auf- und Abfahrt zum Cittipark gab es ewig lange Autoschlangen und Stop-and-Go-Verkehr. Immerhin hatten die Geschäfte ja noch zwei Stunden geöffnet. Und weil Weihnachten ja immer so plötzlich kommt, mussten sich etliche Leute auch dieses Jahr auf dem letzten Drücker mit Weihnachtsgeschenken und Lebensmittel versorgen. Bert bog ab und fuhr über die Gutenbergstraße Richtung Holtenauer, wo sein Atelier war. Dora folgte ihm noch immer. Wegen der Parkplatzknappheit parkte er in der zweiten Reihe und gab Dora seinen Autoschlüssel.

 

 

 

“Hier mein Autoschlüssel. Falls Du umparken musst. Ich beeile mich wegen der Tannenbaumspitze.”

 

 

 

“Ja, aber beeile Dich wirklich. Hast Du gesehen, wie dunkel es schon geworden ist?

 

 

 

fragte Dora ängstlich. Und ja, es war merklich dunkler geworden, obwohl es gerade einmal gegen Mittag war. Bert ging in sein Atelier und suchte sich die benötigten Gegenstände. Eine hohle Pappmacheé-Kugel, ein Reagenzröhrchen, Industriekleber und etwas Goldlack mussten für die Tannenbaumspitze reichen. Er bohrte zwei Löcher in die Kugel, weitete sie so weit, dass das Reagenzglas hineinpasste, schmierte etwas Industriekleber an das breitere Ende des Röhrchens und steckte alles durch die Kugel hindurch, dass es aussah wie der Fernsehturm Berlin-Alexanderplatz. Anschließend steckte er es auf einen Holzstab, nahm den Goldlack und sprühte alles gülden an. Mit der Heißluftpistole wurde dann alles trockengeföhnt und nach rund 10 Minuten war er wieder auf der Holtenauer Straße.

 

 

 

“Wow, das ging aber schnell,”

 

 

 

rief Dora ihm zu, als er an ihr Fenster klopfte und die Tür von ihrem Wagen öffnete.

 

 

 

“und chic sieht sie auch noch aus. Wenn das keine echte Tannenbaumspitze ist...”

 

 

 

Bert reichte die Tannenbaumspitze zu Dora ins Auto und sie gab ihm den Schlüssel zu seinem Wagen. Er schmiss den Motor an und sie fuhren los Richtung Blücherplatz, der vom Atelier nur zwei Fahrtminuten entfernt lag. Mittlerweile war es schon bedrohlich dunkel geworden und viele Menschen blickten besorgt in den Himmel. Niemand konnte sich einen Reim daraus machen, warum es schon zu Mittag schon fast stockdunkle Nacht war. Die Straßen rund um den Blücherplatz waren schon zu üblichen Zeiten maximal verstopft und ein Parkplatz nur zu bekommen, wenn man die Verkehrsregeln vergisst. Heute war sogar die Hölle los, denn viele wollten noch etwas einkaufen – Bert eingeschlossen, denn er musste ja noch die Einkäufe für seine Frau Günther erledigen. Tatsächlich fanden sie zwei Parkplätze, illegale, versteht sich, und gingen mit ihrem Ersatzerde-Paket unter dem Arm in die Scharnhorststraße, wo Frau Günther wohnte. Sie war gar nicht begeistert von der fremden Frau, die Bert mitbrachte, denn unbekannte Menschen brachten ihr Unbehagen. Um Fragen vorzubeugen, sagte Bert sogleich:

 

 

 

“Hallo Frau Günther. Es gibt einen Notfall und ich brauche unbedingt Ihre Hilfe. Das ist Dora, von der ich Ihnen ja schon erzählt habe, und sie hilft mir bei der Beseitigung dieses riesigen Problems!”

 

 

 

“Wie kann ich Ihnen denn schon helfen?”

 

 

 

wollte sie wissen und dachte schon, er wollte sie jetzt um Geld anpumpen oder ähnliches.

 

 

 

“Frau Günter, ich sage es jetzt mit allem Ernst: Weihnachten ist in Gefahr und ich muss mir Ihren Adventskranz ansehen und bei Eignung bitte ich Sie, ihn mir zu überlassen.”

 

 

 

“Wozu in Gottes Namen brauchen Sie meinen Adventskranz?”

 

 

 

wollte sie wissen und es sah nicht danach aus, dass sie ihn ohne weitere Erklärungen rausrücken würde.

 

 

 

“Liebe Frau Günther. Vertrauen Sie mir?”

 

 

 

fragte er sie und sah sie mit Dackelaugen an.

 

 

 

“Na klar vertraue ich Ihnen, aber trotzdem will ich wissen, wozu Sie den brauchen.”

 

 

 

“Sie dürfen sich aber nicht aufregen, denn das ist ja wirklich nicht gut für Sie.”

 

 

 

und er entschied, ihr die Geschichte erst zu erzählen, wenn der Adventskranz für würdig befunden wurde, die Welt retten zu dürfen. Sie gingen also in eines ihrer vielen ungenutzten Zimmer. Es war gefüllt mit Räuchermännchen, Spieluhren und erzgebirgischer Volkskunst. Jeder, der Laufe der Zeit nicht wusste, was er ihr schenken sollte, hatte für sie eine solche Figur mitgebracht und da kamen in rund 78 Jahren schon eine Menge zusammen.

 

 

 

“Hier ist mein Adventskranz und nun sagen Sie mir bitte, was hier los ist. Sie wissen, dass ich solche Aufregung nicht vertrage,”

 

 

 

sagte sie schon so ziemlich aufgeregt.

 

 

 

“Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen erzählen würde, dass Weihnachten in Gefahr ist und wir unser christliches Abendland retten müssen!”

 

 

 

“Ich würde sagen, Sie spinnen!”

 

 

 

antwortete sie trocken.

 

 

 

“Und wenn ich es Ihnen beweise?”

 

 

 

“Dann rege ich mich erst recht auf. Und das wollen Sie doch nicht, oder?”

 

 

 

“Ok, Frau Günther, ich kann Ihnen diese Aufregung aber leider nicht ersparen, denn was passieren wird, wird Sie so oder so aufregen”

 

 

 

und zeigte zu Dora, die immer noch in der Zimmertür stand und das Paket in der Hand hielt.

 

 

 

“Da drin ist der Beweis. Dort im Paket ist der Beweis, dass Weihnachten und unsere gesamte Zivilisation in Gefahr sind!”

 

 

 

“Haben Sie heute schon Glühwein gehabt, Bert? Vielleich tmit einem ordentlichen Schuss Rum?”

 

 

 

fragte Frau Günther, die immer noch an einen schlechten Scherz glaubte. Und Bert sagte:

 

 

 

“Niemals war mir etwas so ernst wie heute. Und offenbar wollen Sie den Beweis wirklich sehen. Dora, kannst Du bitte die Engelskugel aus dem Paket nehmen und auf den Tisch stellen? Frau Günter, Sie setzen sich am besten jetzt hin!”

 

 

 

Dora und Frau Günther taten wie geheißen. Die Engelskugel hatte wieder die Farbe angenommen, wie sie sie gefunden hatten, also bevor sich die Lichtgestalt offenbart hatte. Bert nahm den goldenen Stern in die Hand und rieb daran. Nachdem sich einige Sekunden lang keine Veränderung gezeigt hatte, rieb er ein weiteres Mal an dem Stern. Langsam begann die Kugel, sich zu verfärben über dunkelblau und weiter hin zu hellblau. Unmittelbar danach kamen die weißen Wölkchen und ein Lichtpunkt löste sich wieder von der Oberfläche, um durch die Wolkendecke durchzustoßen und in das Zimmer zu schweben. Frau Günter saß da mit großen Augen und der Mund ging gar nicht zu vor Staunen.

 

 

 

Der Lichtpunkt wurde größer und größer, bis er wieder seine Engelsgestalt angenommen hatte und sprach:

 

 

 

“Es wird Zeit, dass wir die gewünschten Gegenstände beisammen haben und auf dem Platz aufbauen, denn es ist nicht mehr lange hin bis zum Heiligen Abend, an dem wir Engel in Bethlehem erscheinen müssen.”

 

 

 

Frau Günther hatte sich von ihrer Fassung verabschiedet und Bert ergriff das Wort:

 

 

 

“Hier ist der gewünschte Adventskranz, Herr Engel!”

 

 

 

“Ich bin kein Herr. Du darfst mich Gabriel nennen. Ich bin Erzengel Gabriel, der als Botschafter Gottes dient und der der Welt die Geburt des Heilands verkünden soll!”

 

 

 

“Geeeenau, und das mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung von rund 2000 Jahren. Und wo wir gerade beim Thema sind: Starten wir. Was ist jetzt zu tun?“

 

 

 

und der Erzengel Gabriel fuhr fort:

 

 

 

"Wo ist die Weihnachtsbaumspitze?”

 

 

 

“Noch in Doras Auto unter dem Weihnachtsbaum liegt sie!”

 

 

 

“Ich hoffe inständig, dass sie für unsere Zwecke geeignet ist.”

 

 

 

Bert und Dora wechselten ihre Blicke und Dora antwortete

 

 

 

“Soll ich sie aus dem Auto holen und den Tannenbaum auch gleich mitbringen?”

 

 

 

“Nein, das ist nicht erforderlich, denn wir haben nicht mehr genügend Zeit und brauchen alles gleich auf dem Marktplatz.”

 

 

 

Frau Günther, die mittlerweile wieder Lebenszeichen von sich gab, war sichtlich schockiert wegen dem, was sie da sah. Das war einfach zu viel für sie.

 

 

 

“Was kann ich denn jetzt noch tun? Und wer erledigt meine Einkäufe. Hat der Markt denn noch geöffnet? Es ist doch schon ganz dunkel draußen.”

 

 

 

und Bert antwortete:

 

 

 

“Frau Günther, Sie sehen, dass wirklich Gefahr im Verzuge ist. Geben Sie uns Ihren Adventskranz und haben Sie eine Kiste, in den wir ihn legen können?”

 

 

 

Frau Günther antwortete:

 

 

 

“Selbstverständlich. Ich brauche ihn nicht für mich allein und wenn er einem guten Zweck dient, werde ich ihn gerne hergeben. Und eine Kiste habe ich im Gästezimmer. Da ist noch Ihr Weihnachtsgeschenk drin.”

 

 

 

Bert war gerührt. Ein Weihnachtsgeschenk von Frau Günther? Damit hatte er weiß Gott nicht gerechnet. Für seine Arbeit war er ja stets bezahlt worden und ein Geschenk hatte er für sie auch nicht. Bevor er antworten konnte, sagte der Erzengel Gabriel:

 

 

 

“Wir müssen uns beeilen. Der Himmel ist nicht ohne Grund verdunkelt, denn das himmlische Licht hat sich von Euch Menschen abgewandt. Und wenn wir uns jetzt nicht sputen, bleibt es für alle Zeiten dunkel. Ihr müsst jetzt alles auf den Marktplatz bringen und in der Mitte aufstellen. Ich werde wieder zu meinen anderen Engeln hinabsteigen und sie informieren, dass wir in Kürze bereit sein müssen.”

 

 

 

„Welche anderen Engel denn. Gibt es noch weitere wie Dich?“

 

 

 

fragte Frau Günther erstaunt und der Erzengel Gabriel antwortete:

 

 

 

„Selbstverständlich bin ich nicht allein. Es gibt weitere Hauptengel, die Euch Menschen einen Weg zeigen, wenn sie gebraucht werden: Einer für die Familie, ein weiterer für die Gesundheit, ein dritter für die Liebe, der vierte für die Freundschaft, ein fünfter für Glück, ein sechster für Erfolg, der siebte für immer genug Geld, um leben zu können und der achte für Wissen und Weisheit. Aber es gibt noch unzählige Engel, die jetzt aufzuzählen wir keine Zeit haben.“

 

 

 

“Recht so. Wir brauchen jetzt nur noch den Weihnachtsbaum und die Spitze aus Deinem Auto zu holen und auf den Blücherplatz zu bringen. Ich hole erstmal den Karton mit dem Weihnachtsgeschenk”

 

 

 

sagte Bert und setzte sich in Bewegung, um ins Gästezimmer zu gehen und den Karton für den Adventskranz zu holen. Er ging den Flur entlang und war schon ganz gespannt auf das unerwartete Geschenk, das er erhalten sollte. Die erste Begegnung mit Frau Günther war alles andere als harmonisch gewesen. Sie schlief morgens sehr lange, weil sie durch ihre Krankheit sehr schwach geworden war, und als Bert‘ Haushaltshilfe-Firma von der Versicherung beauftragt wurde, Haushaltshilfe zu leisten, also putzen und einzukaufen, rief er schon morgens ganz früh an, um einen Termin zu vereinbaren. Die Antwort war nicht sehr nett, denn Frau Günther war grantig, weil sie gerade erst aufgestanden und noch nicht ganz wach war. Er hatte sich entschuldigt und gesagt, dass eine Mitarbeiterin später wieder anrufen werde, um einen Termin zu vereinbaren. Diese griff dann gegen Mittag zum Hörer. Auch da gab es einen unfreundlichen Kommentar, weil sie sich gerade zur Mittagsruhe hingelegt hatte. Bert war verärgert und hatte sich vorgenommen, sofort den Dienst zu quittieren und das Haus zu verlassen, sollte sie auch nur einmal mit den Augenbrauen zucken. Zu zweit waren sie in die Scharnhorststraße gekommen, um zu putzen und einzukaufen. Bert hatte eine schwarze Arbeitshose an und ein dunkelgraues T-Shirt unter der schwarzen Lederjacke. Zudem trug er schwarze Dockstiefel, also derbe Arbeitsschuhe, die ihn in Verbindung mit seiner Glatze eher wie ein Neonazi aussehen ließ, denn wie eine seriöse Putz- und Einkaufshilfe. Frau Günther zuckte leicht zusammen, als sie ihn sah und die beiden in ihre Wohnung lassen sollte. Sie war sehr misstrauisch. Bert sollte für sie einkaufen gehen, dann hatte sie ihn jedenfalls erstmal aus der Wohnung entfernt. Alles Weitere würde sich dann zeigen. Aber vorher sollte er noch den Balkon sauber machen. Als sie kam, um nachzusehen, was er dort mache, lag er tatsächlich unter den Gartenstühlen und klaubte das Laub vom Boden. Das hatte sie wirklich angerührt und ihr das Gefühl gegeben, dass hinter dieser, wie es schien, martialischen Hülle ein guter Kern verborgen war. Im Laufe der Zeit hatte sie ihn in ihr Herz geschlossen, denn jeden Donnerstag erledigte Bert pflichtbewusst und zuverlässig für sie die Einkäufe auf dem Blücherplatz-Wochenmarkt und brachte viele heitere, aber auch traurige Geschichten aus seinem Leben in ihre Küche, in der er die Einkäufe auspackte und mit ihr abrechnete. Auf diese Donnerstage freute sie sich mittlerweile so sehr, dass sie es kaum abwarten konnte, ihn wiederzusehen. Sie hörte ihm auch aufmerksam zu und hatte irgendwann beschlossen, ihm aus Dankbarkeit ein schönes Weihnachtsgeschenk zu machen, über das er sich sehr freuen würde.

 

 

 

“Boah Ey, eine Tischkreissäge!”

 

 

 

hörten sie ihn aus dem Gästezimmer rufen

 

 

 

“wie toll ist das denn? Frau Günther, die ist wirklich für mich?”

 

 

 

wollte Bert wissen und seine Begeisterung war im Wohnzimmer deutlich zu hören. Dort saß Frau Günther in ihrem Ohrensessel, weil ihr Stehen so beschwerlich war.

 

 

 

“Ja, ich hoffe, Sie können sie gebrauchen? Ich habe sie über das Internet bestellt,”

 

 

 

und Bert antwortete

 

 

 

“genau so eine fehlte mir noch in meiner Werkstatt. Danke, Danke, Danke!”

 

 

 

hörten sie ihn hinten rufen, während er die Kiste komplett auspackte, in die der Adventskranz perfekt hineinpassen würde. Er kehrte mit glänzenden Augen und der leeren Kiste zurück ins Wohnzimmer, wo Dora und der Erzengel Gabriel gewartet hatten und sie packten den Adventskranz hinein. Der Erzengel Gabriel war unmittelbar danach in seine Engelswelt zurückgekehrt, um die anderen Engel über den aktuellen Sachstand zu informieren. Bert nahm die beiden Kisten mit Adventskranz und Engelswelt übereinander und balancierte sie durch den Flur zur EDorangstür.

 

 

 

“Wenn das hier erledigt ist, komme ich wieder, und bringe Ihre Einkäufe, Frau Günther, ist das ok?”

 

 

 

“Ja, Bert, ich habe gerade nichts anderes vor”

 

 

 

rief sie aus dem Wohnzimmer, wo sie noch immer in ihrem Ohrensessel saß, während Dora ihm die Tür öffnete und sie nach unten gingen, um die wenigen Hundert Meter bis zum Auto und von dort zum Blücherplatz zu gehen. Vollgepackt mit Tannenbaum, Tannenbaumspitze und zwei Kartons erreichten sie den Blücherplatz. Es war mittlerweile fast stockdunkel geworden. Die Menschen liefen hektisch umher und überall geschäftiges Treiben. Stimmfetzen waren zu hören. “Wir brauchen noch Schinken”, “Wieso hatte der Bäcker kein Brot mehr?”, “Gibt es noch Raclette-Käse?” “Was essen wir bloß am zweiten Weihnachtstag?” und dergleichen wisperte durch die vorweihnachtliche Luft. Dora und Bert waren am Café auf dem Blücherplatz angekommen und hatten den Weihnachtsbaum vor dem nostalgischen französischen Lieferwagen hingestellt. Die Menschen beachteten die beiden kaum und machten einen Bogen um sie. Mehrere Passanten wären fast in den Baum gelaufen, weil sie ihre Handys vor der Nase hatten. “Achtung” hatten Dora und Bert abwechselnd gerufen und die Handy-Zombies sah sie nur böse oder wenigstens verwirrt an. Manche sahen den Weihnachtsbaum und wünschten Frohe Weihnachten, weil sie es für einen Weihnachtsgag des nebenan stehenden Tannenbaumverkäufers hielten, bei dem sich noch einige Leute befanden, die kurz vor Heiligabend auf einen Tannenbaumschnapper warteten.

 

 

 

Dann öffnete Bert die Kiste mit der Engelskugel, um sie zum Weihnachtsbaum zu stellen. Sie war wie gewohnt schwarz mit einigen Streifen und die beiden warteten auf die übliche Veränderung. Sie blieb aber aus und die Kugel wechselte nicht ihre Farbe. Bert hatte versucht, mit der Engelkugel über den goldenen Stern Kontakt aufzunehmen, indem er ihn rieb. Nichts passierte.

 

 

 

“Komm, wir stellen auch den Adventskranz neben den Baum, vielleicht öffnet sich die Engelskugel dann ja”

 

 

 

sagte Dora, die Bert besorgtes Gesicht sah.

 

 

 

“Ich weiß nicht. Das kommt mir hier alles wirklich komisch vor. Was machen wir denn, wenn sich die Engelskugel nicht öffnet?

 

 

 

antwortete er.

 

 

 

“Wir stellen jetzt erstmal den Adventskranz auf und zünden die drei Kerzen an. Dann rufen wir die Menschen zusammen, dass wir eine Menschenkette um den Tannenbaum brauchen, weil Weihnachten in Gefahr ist und die Meisten werden uns dann wohl helfen.”

 

 

 

Doras Entschlossenheit war beeindruckend, erinnerte aber doch an das Pfeifen im Walde, wenn man sich im dunklen Wald fürchtet und denkt, durch Pfeifen die bösen Geister, und was weiß ich noch, vertreiben zu können. Aber sie machte ihm Mut und so holte Bert den Adventskranz aus der Kiste, drehte diese um, legte einige Servietten darüber, stellte ihn auf den Kartonboden und zündete drei Lichter an. Sie flackerten leicht im ständig durch Kiel wehenden Ostseewind, gingen jedoch nicht aus.

 

 

 

“Und jetzt?”

 

 

 

fragte er und war ratlos, weil sich nichts tat. Im Gegenteil, er fühlte sich jetzt ziemlich dämlich dabei, mit einem geschmückten Tannenbaum mitten auf dem Blücherplatz zu stehen und Menschen zu motivieren, einen Kreis zu bilden. Er sah sich um und sprach viele sogar an, aber niemand beachtete ihn. Die Augen der Menschen um sie herum waren leblos, lieblos, teilnahmslos. Nach ratlos wurden Dora und Bert mutlos. Sie fasste sich ans Herz und rief laut:

 

 

 

“Hallo Kieler, wir brauchen Eure Hilfe, denn Weihnachten ist in Gefahr!”

 

 

 

Doch die leeren Augen gingen weiterhin an ihnen und dem geschmückten Weihnachtsbaum vorbei.

 

 

 

“Ist denn niemand da, der mit uns eine Menschenkette bilden will, damit wir Weihnachten retten?”

 

 

 

rief sie weiter.

 

 

 

Doch noch immer gingen leere Augen an ihnen und dem geschmückten Weihnachtsbaum vorbei. Da lief Bert zum Brotwagen, in dem Uwe Backwaren und Brote verkaufte. Dort hatte er das gesamte Jahr über für Frau Günther Brot, Schleifen, Quarkkuchen und Brötchen gekauft.

 

 

 

“Uwe, hilfst Du mit, Weihnachten zu retten?”

 

 

 

fragte ihn Bert und er antwortete:

 

 

 

“Ich kann doch jetzt nicht den Verkaufswagen allein lassen. Mein Chef bringt mich um!”

 

 

 

Dann ging Bert weiter zu Schlachter Wiese, bei dem er für Frau Günther immer zwei kleine Bockwürstchen, zwei Hähnchenkeulen und eine dicke Scheibe Kochschinken kaufte.

 

 

 

“Herr Wiese, wir brauchen Ihre Hilfe. Kommen Sie mit und helfen Sie, Weihnachten zu retten!”

 

 

 

Und Herr Wiese schaute nur irritiert hoch und schüttelte den Kopf,

 

 

 

“Wie soll das denn gehen? Ich habe hier meinen Verkaufswagen voller Fleisch und viele Vorbestellungen, die ich noch ausliefern muss. Ich kann den Wagen unmöglich verlassen!”

 

 

 

Immer mutloser werdend ging Bert weiter zum Verkaufswagen des Griechen Georgios, bei dem er von den beiden Verkäuferinnen, Nicole und Lidia, immer so liebenswert und nett bedient wurde. Jede Woche kaufte er für Frau Günther 100 gr. Bauernsalat, eine Pita mit Spinat und 100 gr. Pilzsalat.

 

 

 

“Könnt Ihr mir helfen, Weihnachten zu retten?”

 

 

 

fragte Bert auch sie und sie sahen sich ungläubig an, zweifelten sie trotz aller Sympathie nun doch an seinem Verstand. Und der wirklich sehr nette Georgios sagte:

 

 

 

“Ich habe hier den ganzen Wagen voller Salate, Frischkäse und Antipasti. Das wird alles schlecht, wenn ich es jetzt nicht verkaufe.”

 

 

 

Und so ging er immer trauriger werdend von Stand zu Stand, wo er das Jahr über eingekauft hatte und so freundlich bedient wurde. Zu Frank, bei dem er stets einen Becher Milchreis mit Kirschen kaufte oder beim Stand mit dem Frischkäse 20 % Fettstufe und Schnittlauch. Keiner wollte oder konnte ihm helfen und so ging er mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf zum Weihnachtsbaum zurück, an dem Dora wartete und auch nicht sehr glücklich aussah. Die Kugel hatte ihre Farbe nicht verändert, dafür aber der Himmel, der nun völlig schwarz war, dass kein Licht mehr auf die Erde leuchtete.

 

 

 

“Es ist vorbei, Weihnachten ist verloren,”

 

 

 

sagte Bert zu Dora und sie sahen sich lange in die Augen, in denen Tränen zu sehen waren. Und wo sie da so standen, hörten sie neben sich bekannte Stimmen:

 

 

 

“Weihnachten ist nicht verloren, so lange wir noch einen Schritt gehen und einen Atemzug machen können,”

 

 

 

sagte Frau Günther, die sich mühsam und langsam aus ihrem Ohrensessel herausgewunden hatte, um sich eine warme Winterjacke anzuziehen. Sie war unter großen Strapazen die Treppe hinuntergegangen und wollte gerade ihren Rollator nehmen, als sie Peter traf. Peter, den väterlichen Freund von Bert, der donnerstags immer seinen Termin beim Physiotherapeuten wahrnahm und von dem er Frau Günther schon so viel erzählt hatte. Er war mit seinen Gehhilfen gerade aus der Praxistür gekommen, als sie sich trafen. Und Frau Günther hatte ihn angesprochen:

 

 

 

„Sind Sie nicht der Freund von Bert, der bei mir immer die Einkäufe erledigt?“

 

 

 

Fragte sie ihn direkt und Peter war zunächst etwas irritiert, weil er die Ereignisse nicht so richtig zuordnen konnte. Aber dann machte es Klick und er erinnerte sich an die zwei oder drei Begegnungen mit Bert hier unten im Haus, als er zur Therapie ging bzw. von ihr kam.

 

 

 

„Ja, der bin ich. Ist etwas mit ihm?“

 

 

 

fragte er und sie antwortete:

 

 

 

„Mit ihm vielleicht nicht, aber mit unserem Weihnachtsfest.“

 

 

 

„Was genau meinen Sie damit?“

 

 

 

fragte er zurück und sie sagte zu ihm:

 

 

 

„Bert will gerade das Weihnachtsfest retten und steht mit seinem Weihnachtsbaum und meinem Adventskranz auf dem Blücherplatz…“

 

 

 

Und sie erzählte Peter die Geschichte. Ihre Geschichte.“

 

 

 

Dann müssen wir jetzt gemeinsam los, um ihm helfen, die Welt zu retten, denn ich denke, dass er es nicht allein schaffen wird! Dann sind wir eben seine Engel.“

 

 

 

Und sie stiefelten los. Sie im Rollator und Peter mit seinen Gehhilfen. Langsam, Schritt für Schritt ging es vorwärts. Anstrengend war’s und mühevoll. Aber sie kamen gemeinsam an. Erstaunt drehten sich Dora und Bert zu ihr um und Bert sagte:

 

 

 

“Frau Günther, Sie holen sich hier den Tod in dieser Kälte! Peter, was machst Du denn hier?”

 

 

 

Doch Frau Günther winkte ab und antwortete mit leiser, brüchiger Stimme:

 

 

 

“Schlimmer als der Tod kann ein Leben ohne Frieden, Liebe und Glaube auch nicht sein. Ich habe also nichts zu verlieren.”

 

 

 

Und Peter nickte nur. Dann wendete Frau Günther ihren Rollator und ging zu Uwes Brotstand und sagte zu ihm:

 

 

 

“Uwe, Sie müssen helfen, Weihnachten zu retten. Seien Sie der Erste und bilden mit mir und den anderen eine Menschenkette.”

 

 

 

“Aber ich kann meinen Brotstand nicht alleine lassen, mein Chef schmeißt mich raus!”

 

 

 

antwortete er.

 

 

 

“Ich bin eine alte kranke Frau und habe nicht mehr viel Zeit auf dieser Erde. Wenn Dein Chef einen Verlust macht, werde ich ihn ersetzen. Ich habe genug Geld dafür.”

 

 

 

Und Uwe zog sich seine Jacke an, schloss den Wagen ab und ging zum Tannenbaum, um mit Dora, Bert und Peter keine Kette zu bilden. Sie reichte aber nicht aus, um allein den Tannenbaum zu umkreisen, aber Frau Günther war bereits zum nächsten Stand gegangen.

 

 

 

“Herr Wiese, Sie sind an mir vielleicht nicht reich geworden. Aber ich habe Sie als einen Menschen mit einem großen Herzen kennengelernt und bitte Sie, mit uns Weihnachten zu retten.”

 

 

 

Herr Wiese blickte verschämt nach unten. Diese Situation war ihm sehr unangenehm und er sagte auch ihr, dass er noch viele Waren auszuliefern hätte und der Rest schlecht würde, wenn er sie nicht verkauft bekommt.

 

 

 

“Lieber Herr Wiese, was sind schon ein paar weniger ausgelieferte Fleischpakete und schlecht gewordene Waren gegen ein verlorenes Weihnachtsfest? Ich brauche nicht mehr so viel Geld, als dass ich Ihnen Ihren Verlust ersetzen werde, wenn Sie uns helfen, Weihnachten zu retten.”

 

 

 

sprach Frau Günther und in ihrer Stimme war so viel Liebe und Traurigkeit, dass Herr Wiese zu seiner Verkäuferin sagte:

 

 

 

“Komm, wir machen jetzt den Wagen zu und gehen mit Frau Günther zum Weihnachtsbaum, um Weihnachten zu retten”

 

 

 

Und zwinkerte ihr mit einem Auge zu als Zeichen, dass diese liebenswerte Dame jetzt wohl den Verstand verloren hatte.

 

 

 

„Das habe ich gesehen, Herr Wiese!“

 

 

 

sagte Frau Günther und ging weiter. Die wartenden Kunden jedoch wurden zornig und schimpften, weil sie noch Weihnachtsvorbereitungen zu treffen hätten. Und Frau Günther sagte im Vorbeigehen zu ihnen

 

 

 

“manchmal erreicht man mehr, wenn man Geduld hat. Bevor ihr hier wartet, könnt ihr auch mitkommen, um die Kette zu bilden”

 

 

 

und erst einer, dann der nächste und zum Schluss folgten alle Herrn Wiese und seiner Verkäuferin zum Weihnachtsbaum, um eine Kette zu bilden. Und so ging Frau Günter von Stand zu Stand und erzählte allen, dass sie deren Umsatz ersetzen werde, sollten sie dazu beitragen, Weihnachten zu retten. Und immer mehr Menschen kamen und immer mehr Kunden reihten sich in die Menschenkette ein, um Hand in Hand zu stehen. Die meisten wussten gar nicht, um was es ging und dachten wohl, dass es sich um einen Rekord für das Guiness-Buch der Rekorde handeln würde und machten einfach mit. Auch die beiden Frauen, die eng umschlungen standen und Zärtlichkeiten austauschten sahen hoch und gingen zur Kette und auch zwei Männer, Hand in Hand gehend, reihten sich ein. Dann plötzlich stimmte einer ein Lied an.

 

 

 

“Oh Du Fröhliche!”

 

 

 

sang er und nach kurzer Zeit stimmten immer mehr Stimmen mit ein in das Lied und es entstand eine unbeschreiblich heitere Stimmung. Immer mehr Menschen kamen in die Kette und der Blücherplatz wurde immer leerer und die Kette immer umfangreicher. Mittlerweile hatten auch Menschen in den anliegenden Häusern mitbekommen, dass da am Blücher etwas los sei, hatten ihre Mäntel und Jacken angezogen und waren runtergekommen, sich in die Reihe einzufügen.

 

 

 

Der weiße Lieferwagen mit den französischen Backwaren und der liebenswerten Inhaberin Philine hatte damit begonnen, kostenlos Kaffee und Glühwein auszuschenken. Eine Box hatte sie aufgestellt und wenn jemand fragte, was er schuldig sei, antwortete sie nur: „Schmeiß eine Spende in die Box. Das Geld spende ich der Obdachlosenhilfe“ und viele taten es. Auch der Inhaber des mobilen Kaffeefahrrades gab Kaffee, Mocca und Espresso aus, so dass sich Frierende wärmen konnten. Seine „Trinkgeldkasse“ hatte er in „Spendentopf“ umbenannt und ein entsprechendes Schild über das bisherige geklebt.

 

 

 

Immer lauter und immer voller klang “Oh Du Fröhliche” durch den dunklen Kieler Abendhimmel. Angelockt von den Menschen auf dem Bücherplatz kamen auch drei schwarz gekleidete Männer mit Deutschland-Fahnen in der Hand und riefen „Deutschland den Deutschen! Deutschland den Deutschen“ und manche drehten sich auch zu ihnen um. Aber das „Oh Du Fröhliche!“ übertönte ihre Stimmen und dann rollte der erste seine Deutschlandfahne ein, steckte sie in seine Tasche und wollte in die Kette treten, als sich ihm die Herzen der Menschen und die Kette öffnete, um auch ihn aufzunehmen. Die beiden anderen sahen ihren Kameraden böse an und riefen noch lauter, bis der erste zu Husten anfing, weil er zu laut gebrüllt hatte. Da steckte auch er seine Fahne ein und ging leise vom Platz. Der dritte fühlte sich jetzt von seinen beiden Kameraden verraten, erkannte aber, dass er alleine nichts mehr gegen die Liebe der Menschen auszurichten hatte und ihn keiner mehr beachtete. Er setzte sich außerhalb des Platzes auf eine Mauer und sah sich einsam die Menschenkette an, der er nicht angehören wollte.

 

 

 

Da geschah das Wunder vom Blücherplatz: Die Engelskugel veränderte ihre Farbe von Schwarz nach dunkelblau und weiter nach hellblau mit kleinen Schäfchenwolken und die umstehenden Menschen sahen sich das Spektakel unter ihnen amüsiert an. Einer sagte

 

 

 

“Was man mit LED-Lampen so alles machen kann”

 

 

 

und ein anderer zückte sein Handy, um ein Foto zu machen. Doch als die Engelskugel dreidimensional wurde und sich ein Lichtpunkt aus ihr löste, schwiegen die Menschen um ihr herum ganz plötzlich und auch die dritte Wiederholung von  “Oh Du Fröhliche!” verstummte und alle sahen gebannt auf die Lichtgestalt, die zu einem weißen, durchsichtigen Erzengel Gabriel wurde, der zu den Menschen auf dem Blücherplatz sprach:

 

 

 

“Weihnachten ist in Gefahr und wir haben nur noch wenige Minuten, um es zu retten. Schließt die Menschenkette und zündet die Lichter des Weihnachtsbaums an”

 

 

 

und schnell wurden die Feuerzeuge gezückt, um die Kerzen am Weihnachtsbaum anzuzünden.

 

 

 

“Wo ist die Tannenbaumspitze?”

 

 

 

fragte der Erzengel Gabriel und Dora beeilte sich, sie aus der Jackentasche zu holen und auf den Weihnachtsbaum zu stecken. In diesem Moment sah man den entsetzten Blick des Engels, der rief:

 

 

 

“Diese Weihnachtsbaumspitze ist unwirksam. Es fehlt der Stern, der die Lichter bündelt und es in den Himmel schickt. Weihnachten ist jetzt endgültig verloren.”

 

 

 

Und ein Raunen durchlief die Menschenkette und alle sahen sich entsetzt an und riefen sich zu “Weihnachten ist verloren!”, “Wie bitte, Weihnachten ist verloren? Das kann doch nicht sein.” und so klagten alle, dass Weihnachten verloren sei.

 

 

 

Plötzlich zupfte jemand an Frau Günthers Mantel und sie drehte sich um, sah aber niemanden. Ein weiteres Mal bemerkte sie ein Zupfen an ihrem Mantel und sah nach unten. Ein kleiner Junge stand vor ihr und hatte seine beiden kleinen Schwestern an der Hand. Das kleine Mädchen in der Mitte hob ihre Hand und zeigte Frau Günther einen Stern aus glitzerndem Papier, den sie im Kindergarten gebastelt hatte und hielt ihn ihr entgegen.

 

 

 

“Reicht dieser Stern, um Weihnachten zu retten?” fragte das Mädchen schüchtern und Frau Günther stand da wie eine Salzsäule, ihre Hände fest am Rollator geklammert und Peter stand mit versteinertem Gesicht daneben. Sie nahm den selbstgebastelten und voller Goldstaub übersäten Stern in die Hand und übergab ihn Dora. Nachdenklich nahm sie ihn, blickte drauf und dann zu Bert, der erwartungsvoll an ihrer Seite stand. Beide blickten dann zum Engel Gabriel, der lange auf den Stern schaute und dann seinen Kopf zu einem Nicken bewegte. Schnell nahm Dora etwas von dem Baumharz einer Tanne des nahestehenden Tannenbaumverkäufers und strich damit über den Stern und klebte ihn dann mit der Spitze nach oben gegen die noch nackig wirkende Weihnachtsbaumspitze.

 

 

 

Unmittelbar danach flossen die Lichter des Weihnachtsbaums, begleitet von unzähligen Punkten aus der Engelskugel, die beim Emporschweben größer und größer wurden und sich zu Engel wandelten nach oben durch den Stern hindurch. Auch wurde die Engelskugel immer heller und heller. Zunächst verließ der erste, dann der zweite und dann immer mehr Lichter die Oberfläche der kleinen immer noch heller werdenden Engelskugel, schwebten um den Adventskranz herum und flogen dann durch den Weihnachtsbaum hindurch in die Weihnachtsbaumspitze und weiter in den schwarzen Himmel, dass es aussah wie ein Lichterstrahl. Immer größer wurde er und immer heller und immer breiter, so dass er bereits den gesamten Blücherplatz beleuchtete und sich in den Augen der Menschen widerspiegelte, die auf ihn blickten. Plötzlich sahen sie nicht mehr stumpf, dump und unnatürlich aus, sondern glänzend, leuchtend und voller Liebe. Es standen Menschen nebeneinander. Frauen und Männer, Weiße, Schwarze und Gelbe, Menschen unzähliger Nationen und unterschiedlichen Glaubens, zwei Männer und zwei Frauen, die sich noch immer an der Hand hielten und bemerkten, wie die Energie der Liebe durch ihre Hände strömte und niemand loslassen wollte. Dora und Bert hatten Frau Günther und Peter in ihre Mitte genommen und hielten ihre Hände ganz fest. Ihre Augen leuchteten wir die eines jungen Mädchens, das gerade eine schöne Haarspange geschenkt bekommen hatte und die sie wunderschön machte.

 

 

 

“Vielen Dank für diese tolle Tischkreissäge, liebe Frau Günther, damit konnten wir jetzt Weihnachten retten,”

 

 

 

sagte ihr Bert ganz leise ins Ohr und drückte ganz fest ihre Hand. Dann drehte er sich um zu Peter und drückte ihm dreimal die Hand. Und Peter verstand. Auch Uwe, der Grieche, Herr Wiese, Frank und alle anderen schauten in den Himmel, dort, wo sich die Engel zu einer riesigen sich drehenden Kugel formiert hatten. Der Strom der Engel war zu Ende gegangen und sowohl die Engelskugel, als auch der Weihnachtsbaum waren wieder in Dunkelheit gehüllt. Auch am Adventskranz waren alle Lichter ausgegangen und es brannte keine einzige Kerze mehr. Als letzter der Engel stand der Erzengel Gabriel stand neben dem Baum und blickte auf Dora, Bert, Frau Günther und Peter, die sich noch immer fest an den Händen hielten.

 

 

 

“Seht Ihr den Adventskranz? Alle drei Kerzen Frieden, Liebe und Glaube sind erloschen. Nur die vierte Kerze kann Euch noch Hoffnung geben. Während ich jetzt zu den anderen Engeln fliege, nehmt Feuer von dieser Kerze und zündet die anderen Kerzen an und wartet, was passiert. Wenn Ihr die Zeichen richtig deutet, werdet ihr sehen, dass der Stern über Bethlehem geleuchtet hat, als das Christkind geboren wurde!”

 

 

 

„Sehen wir uns einmal wieder?

 

 

 

fragte Dora, die als erste ihre Stimme wiederfand und der Engel Gabriel antwortete:

 

 

 

„Ich bin immer in Eurem Herzen. Doch wir haben noch weitere Missionen wie diese zu erledigen. Als nächstes müssen wir nach Washington in Amerika reisen, um einem alten, gefährlichen Mann die Streichhölzer aus der Hand zu nehmen, mit denen er gerade dabei ist, einen Weltbrand zu entzünden. Auch in Moskau gibt es jemanden, der mehr Testosteron im Blut hat, als der Menschheit guttut, und den wir bändigen müssen. Ankara, Pjönjang und viele andere Orte haben Menschen, denen wir Liebe zeigen müssen. Lebt daher wohl!“

 

 

 

Und der Engel ließ die vierte Kerze entzünden, breitete seine großen Flügel aus und schwebte nach oben in den Himmel, wo die anderen Engel auf ihn warteten. Dann verschwand die Kugel und es war stockfinster auf dem Blücherplatz und die Menschen hatten Angst, dass die letzte Kerze auch noch ausgelöscht werden würde. Dann kam der kleine Junge und hielt das kleinere der beiden Mädchen and er Hand und nahm das Feuer der noch brennenden Kerze mit einem Holzspan, dass es neben einer der Obstkisten vom Obsthändler gefunden hatte, und zündete nacheinander alle anderen drei Kerzen an. Die Menschen um sie herum schauten hoffnungsvoll auf die vier brennenden Adventskranzkerzen und warteten. Dann hörten sie einen jungen Mann, der ein Lied anstimmte:

 

 

 

“Stille Nacht, heilige Nacht
Alles schläft, einsam wacht nur das traute hochheilige Paar
Holder Knabe im lockigen Haar
Schlaf in himmlischer Ruh'
Schlaf in himmlischer Ruh'

 

 

 

Stille Nacht, heilige Nacht
Hirten erst kund gemacht
Durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah
Christ der Retter ist da
Christ der Retter ist da

 

 

 

Mittlerweile war der gesamte Blücherplatz durchdrungen von diesem Lied und wer den Text nicht kannte, summte einfach mit. Bert hatte den Jungen auf seines Vaters Schultern gesetzt und die Mutter trug das kleinere der beiden Mädchen. Das mittlere Mädchen war bereits gegangen. Dann begann die Engelskugel erneut an zu leuchten, jedoch kamen jetzt keine Engel mehr aus ihr heraus. Sie begann zu schweben, um den Adventskranz herum, den Weihnachtsbaum und seiner Spitze hinauf bis in den Himmel und beleuchtete dabei den gesamten Blücherplatz. Dann gab es einen sehr lauten Knall und die Engelskugel teilte sich in Millionen und Abermillionen kleiner Engelskugeln, die langsam auf die Erde schwebten. Jedem, der unter dem Himmelszelt auf dem Blücherplatz stand, fiel ein kleiner Stern der Liebe, des Glaubens, des Friedens und der Hoffnung auf die Stirn. Auch auf den Mann in schwarzer Kleidung und der Deutschlandfahne. Und dann riss der Himmel auf und es wurde wieder taghell. Der Himmel war in hellblauem Licht getaucht und einige weiße Wolken flogen von Ost nach West. Da wussten alle, dass Weihnachten jetzt gerettet war und sie jubelten und freuten sich und lagen sich mit Tränen in den Augen in den Armen. Frau Günther wusste gar nicht, wie ihr ward, so oft wurde sie umarmt und alle umarmten sich, schüttelten unzählige Hände und wünschten sich eine gesegnete Weihnacht. Die Markthändler vereinbarten, dass sie eine Stunde länger verkauften, denn war jetzt wohl wichtiger, als das gerettete Weihnachtsfest? Und niemand fragte Frau Günther nach Geld für den Verdienstausfall.

 

 

 

“Wollen wir jetzt hochgehen, Frau Günther?”

 

 

 

fragte Bert und sie schüttelte den Kopf.

 

 

 

“Nein, ich möchte hier warten, bis es wieder dunkel geworden ist und will mich an den Lichtern Eures Tannenbaums erfreuen - aber nur, wenn ihr wollt,”

 

 

 

„und ich bleibe auch hier, muss nur noch meiner Frau Uschi Bescheid sagen, dass sie auch herkommt, denn sie macht sich gewiss schon Sorgen!“ ergänzte Peter, der ebenfalls unzählige Hände geschüttelt hatte. Bert und Dora sahen sich an und Dora nickte langsam. Da entschieden sie sich, neue Kerzen zu kaufen, etwas Punsch zu organisieren und sich um den Weihnachtsbaum herum zu setzen und auf den Abend zu warten. Es sprach sich schnell herum, dass für einige Menschen Weihnachten auf den Blücherplatz stattfände und so kam es, dass die meisten Menschen Weihnachten in diesem Jahr unter dem Himmel feiern und Gott danken wollten, dass den Engeln geholfen werden konnte.

 

 

 

Essen wurde an wildfremde Menschen gereicht und auch Bettler und Obdachlose hatten in diesem Jahr ein Weihnachtsfest voller Hoffnung, wie sie es sich nie zu wünschen gewagt hatten. Für viele von ihnen war es erstmalig ein Fest der Liebe und sie hofften, dass sich ihr Leben wieder bessern würde.

 

 

 

Und so ging der Tag vorüber und es wurde dunkel. Diesmal so, wie man es erwartet hatte und es gab ein munteres, heiteres Geschnatter unter den Menschen auf dem Blücherplatz. Es wurde heißer Tee oder Glühwein getrunken, die Markthändler hatten einen Großteil ihrer Ware gespendet oder waren gleich ganz dageblieben und Frau Günther erfreute sich der Gesellschaft unzähliger Menschen, von denen sie den meisten noch nie begegnet war, obwohl sie schon seit über 30 Jahren in der Scharnhorststraße wohnte.

 

 

 

Dann senkte sich die Heilige Nacht über den Kieler Blücherplatz und es wurde ruhiger und besinnlicher. Plötzlich wurde es hell: Ein Komet mit einem hellen Schweif strich über das Firmament, blieb einen Moment über den Menschen stehen und erleuchtete deren Augen. Dann verschwand er wieder und alle wussten: Das Christkind wurde unter dem Weihnachtsstern geboren und Weihnachten war gerettet.